Die Verflüchtigten

Die Verflüchtigten



Berlin Verlag
320 Seiten
ISBN: 9783827012227

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Selbstmord ist in Japan keine Seltenheit und so wird dieses Thema auch immer wieder in der Literatur aufgegriffen (beispielsweise in freiwillige Selbsthinrichtung und Moshi Moshi). Doch neben Selbstmord gibt es in einem Land, in dem man mit dem freiwillig gewählten Tod seine Probleme beseitigen und die Ehre seiner Familie wiederherstellen kann, noch eine weitere Möglichkeit: sich zu verflüchtigen, spurlos zu verschwinden.

Johatsu werden oft für Feiglinge gehalten, weil sie den Kampf aufgegeben haben. Ich glaube, das Gegenteil, ist der Fall. Es ist ihre einzige Möglichkeit, weiterzuleben. Ich sehe es eher als eine rettende, mutige Entscheidung. Es ist ihr letzter Kampf.“ (185)

Johatsu oder yonige, das mysteriöse, komplette Untertauchen eines Menschen, oft einfach über Nacht, ist genau wie der Selbstmord oft die letzte Möglichkeit, seinen Problemen zu entkommen – auch wenn im Falle des Untertauchens die Zurückgelassenen mit noch mehr Problemen dastehen. Aber was bleibt einem übrig, wenn wie nach dem Atomunfall in Fukushima das Haus unbewohnbar ist, der Kredit dafür noch nicht abbezahlt und die Familie als Flüchtlinge aus Fukushima sozial gebrandmarkt wird?

In Krisenzeiten kommen Untertauchen und Selbstmord häufiger vor, und so siedelt Reverdy seine Handlung in der Zeit nach Tsunami und Atomunfall an – eine Zeit, in der er selbst in Japan war und das Land beobachten konnte. Er erzählt zunächst nicht die Geschichte der Einwohner von Fukushima, sondern die eines Investment-Bankers, der krummen Geschäften von Staat und Yakuza rund um Fukushima auf die Schliche kommt und sich über Nach verflüchtigen muss. Er erzählt auch von der Tochter des Investment-Bankers, die in Amerika lebt und von dort ihren Exfreund und zugleich Privatdetektiv mitbringt, der ihren Vater finden soll. Und er erzählt von einem Waisenjungen, der nach dem Tsunami nach Tokyo geflohen ist.

Anfangs ist es ziemlich schwer in diese Geschichte – die fast das gesamte Buch über sehr unpersönlich bleibt – hereinzukommen. Der ständige Perspektivwechsel, manchmal schon nach zwei Seiten, die unterschiedlichen Figuren, deren Handlungsmotivation verborgen bleibt – Die Verflüchtigten ist kein Roman zum Vertiefen, sondern ein Buch, dass versucht, sich selbst immer wieder zu verflüchtigen. So nackt und trostlos Sprache und Handlung oft sind, so viel feinfühlige, oft auch literarisch sehr interessante Beobachtungen finden sich im Buch:

„Die Schwarzkiefern des Kaiserpalasts im noch dunklen Norden recken sich wieder empor, Schatten, die aus dem Schatten vor einem lichter werdenden Himmel treten, wie der Wald von Birnam auf Macbeth zumarschierte, während sich aus den Higashiyama-Bergen Wolken von Raben erheben, um sich auf die Ratten an den Ufern des Flusses zu stürzen. Du hörst sie krächzen.“ (105)

Reverdy schwankt zwischen literarischen und dokumentarischen Beobachtungen, ab der Hälfte des Buches nehmen aber die dokumentarischen Beobachtungen zu – vieles, gerade aus Fukushima, liest sich schon fast wie eine Reportage. Und noch etwas ändert sich ab circa der Hälfte des Buches: Die einzelnen Handlungsstränge werden zusammengefügt, kommt Dynamik auf, wird die Handlung langsam begreifbar. Dann wird es auch schnell recht interessant, denn der Investment-Banker verdingt sich rund um das Atomkraftwerk als Schrottentsorger – zusammen mit dem Waisenjungen, der schließlich auch die Möglichkeit erhält, in seine Heimatstadt zurückzukehren.

Die Krise von Fukushima bietet nicht nur den idealen Handlungsraum für Verflüchtigungen – sie bietet den Verflüchtigten auch einen Rückzugsraum, denn in der zerstörten Region macht sich niemand mehr Gedanken über einen Menschen mehr oder weniger.

Fazit

Reverdy erfasst die Verwerfungen der japanischen Gesellschaft nach Fukushima.

Verfasst am 6. März 2016 von

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