Das Café Tacet Yuguredo in Sapporo bietet seinen Gästen einen ganz besonderen Service an: Für die Dauer von 4 Minuten um 33 Sekunden können Sie in die Vergangenheit in eine Situation reisen, die sie besonders bereuen und diese Situation so verändern.
Auf den ersten Blick scheint der Roman Das kleine Café der zweiten Chancen der bekannten Feel-Good-Romanreihe von Toshikazu Kawaguchi tatsächlich sehr ähnlich zu sein: Auch in Kawaguchis inzwischen fünf Bände umfassender Reihe können die Gäste des Café Funicula Funicula für die Dauer einer noch warmen Tasse Kaffee in die Vergangenheit reisen und mit einem geliebten Menschen sprechen. Anders als im vorliegenden Roman lässt sich die Vergangenheit dort jedoch nicht verändern – sie kann lediglich verarbeitet und akzeptiert werden.
Liest man den Klappentext zu Das kleine Café der zweiten Chancen, entsteht nicht nur der Eindruck, dass sich die beiden Cafés sehr ähneln, sondern auch, dass beide Romane ähnlich aufgebaut sind: Genau wie Toshikazu Kawaguchi erzählt augenscheinlich auch Shiori Ota einzelne Geschichten von Gästen im Cafés.
Beginnt man jedoch selbst zu lesen, stellt sich schnell heraus, dass Das kleine Café der zweiten Chancen vollkommen anders konzipiert ist: Im Mittelpunkt steht die Schülerin Himari Misaki, die nach einem Unfall ihre Karriere als Pianistin aufgeben musste. Seitdem hat sich auch ihr Verhältnis zu ihrer Mutter verschlechtert, deren größter Traum es war, dass ihre Tochter Pianistin wird. Als die beiden nach Sapporo ziehen, findet Himari im Café Tacet Yuguredo einen Zufluchtsort und merkt schnell, dass von dem kleinen Café eine besondere Magie ausgeht.
Auch Himari selbst ist, wie sich bald herausstellt, kein gewöhnliches Mädchen. Wie die Mitarbeiter des Cafés ist auch sie eine Zeitwächterin und besitzt die besondere Gabe, Menschen für vier Minuten und 33 Sekunden in die Vergangenheit zu schicken. Dies wirft zwangsläufig interessante Fragen auf, denn jede Zeitreise verändert nicht nur die Vergangenheit, sondern hat unmittelbare Auswirkungen auf die Gegenwart, die sich von diesem Moment an in einer neuen Zeitlinie weiterentwickelt.
Je weiter man in der Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird, dass es sich nicht um einen klassischen Wohlfühlroman handelt, sondern vielmehr um eine lockere Science-Fiction-Geschichte in einem Stil, der beim Lesen sofort die Vorstellung weckt, dass sich der Stoff ebenso gut als Manga oder Anime umsetzen ließe.
Das Cover mit der scherenschnittartigen Frau im Kimono will so gar nicht zu diesem Roman passen und erzeugt einen falschen Eindruck darüber, was einen für eine Geschichte erwartet.
Das kleine Café der zweiten Chancen endet recht abrupt mit einem Cliffhanger. Eigentlich lässt sich der Roman daher nicht als eigenständiges Werk lesen, sondern setzt die Lektüre des zweiten Bandes Das kleine Café der magischen Minuten voraus.
Der zweite Teil rückt Himari Misaki und ihre besonderen Fähigkeiten noch stärker in den Mittelpunkt und entfernt sich damit weiter von dem Bild, das Cover und Klappentexte der beiden Bücher zunächst vermitteln. Himari findet nun an ihrer Schule einen Mitstreiter, mit dem sie gemeinsam lernt, verantwortungsvoll mit Eingriffen in die Vergangenheit umzugehen. Und auch wenn es Himari als Zeitwächterin nicht möglich ist, ihre eigene Vergangenheit zu verändern, findet sie schließlich einen neuen Zugang zu ihrer Mutter – obwohl sie das Klavierspielen endgültig aufgibt.























