Mit Das Postamt der verlorenen Briefe erscheint ein weiterer Roman in jenem besonderen Stil, der Laura Imai Messina inzwischen auszeichnet: ruhig, nachdenklich und ein wenig der Welt entrückt finden Menschen, die aufgrund ihrer Sensibilität nicht recht in die große, laute Welt passen, ihr Glück in den kleinen Dingen des Lebens.
Dieses Mal steht Risa Katō im Mittelpunkt, die sich der Erforschung von Eigennamen verschrieben hat. Obwohl sie sich eigentlich über ihre ruhige Forschungsstelle an einer Universität in Tokio freuen könnte, wird sie von düsteren Gedanken begleitet.
Noch immer liegt das Schicksal ihrer Mutter wie ein Schatten über ihrem Leben. Nach Risas Geburt erkrankte diese schwer psychisch. Dadurch hatte Risa keine unbeschwerte Kindheit, und auch ihr Vater war über Jahre hinweg vollständig von der Pflege seiner Frau in Anspruch genommen.
Doch es gibt für Risa auch schöne Erinnerungen. Als Briefträger kannte ihr Vater Risas Heimatstadt Kamakura wie seine Westentasche und brachte gelegentlich „verlorene“ Briefe mit nach Hause. Gemeint sind Briefe, deren Empfänger sich nicht mehr ermitteln lässt und die auch nicht an den Absender zurückgeschickt werden können.
Passend dazu unterbricht Risa ihre Tätigkeit an der Universität für einige Wochen und reist nach Awashima, einer kleinen Insel mit nur 142 Einwohnern. Dort befindet sich das in Japan einzigartige Postamt für verlorene Briefe. Risa möchte die Briefe ihres Vaters dort hinterlegen, zugleich aber auch einer ganz persönlichen Spur nachgehen, von der die Inselbewohner zunächst nichts erfahren sollen.
„Briefe gehören zu den schönsten Dingen, die der Mensch jemals erfunden hat.“
Laura Imai Messina, Das Postamt der verlorenen Briefe, E-Book-Ausgabe
Wie in all ihren Romanen stellt Laura Imai Messina auch diesmal ein ästhetisches Leitmotiv in den Mittelpunkt. Waren es zuvor Herzschläge, Schriftzeichen, Farben oder Stoffe, so ist es in diesem Roman das Briefeschreiben – die Verbindung, die dadurch zwischen Menschen entsteht, und die Erinnerungen, die in Briefen bewahrt werden.
„»Ich glaube, genau dieses Einwerfen des Briefes in den Briefkasten kann den Dingen wieder Konkretheit verleihen und den Gefühlen, die sich einem sonst entziehen, Gestalt geben«, würde sie am Abend in einer Nachricht an Sayaka schreiben.“
Laura Imai Messina, Das Postamt der verlorenen Briefe, E-Book-Ausgabe
Wie die anderen Romane von Laura Imai Messina ist auch dieser ruhig erzählt und richtet den Blick auf die kleinen Momente des Alltags sowie das entschleunigte Leben auf der Insel. Für Risa wird der Aufenthalt zu einer Zeit des Innehaltens: Sie liest und katalogisiert Briefe, isst regelmäßig im Restaurant ihres Nachbarn Takuto, unternimmt Strandspaziergänge und empfängt schließlich sogar Besuch.
Ihre Besucher sind keine Unbekannten: Ihre Freundin Sayaka reist gemeinsam mit Shūichi und Kenta an, die bereits in Das Archiv der Herzschläge eine zentrale Rolle spielten. Auch das Archiv der Herzschläge selbst, das sich auf einer benachbarten Insel befindet, wird mehrfach erwähnt.
Damit setzt Messina fort, was sie bereits mit Das verborgene Leben der Farben und Das Archiv der Herzschläge begonnen hat: Sie verknüpft ihre Romane zu einem gemeinsamen literarischen Universum, in dem Figuren, Orte und Motive immer wieder aufeinandertreffen.
Auch wenn es in diesem Roman um Heilung geht, die Handlung in einer ruhigen, entschleunigten Atmosphäre spielt und ästhetische Motive eine zentrale Rolle einnehmen, gelingt es Messina erneut, die richtige Balance zu finden. Die Geschichte wird nie kitschig oder übermäßig sentimental, sondern bewahrt stets ihre feine, zurückhaltende Erzählweise.

























