Junglaub. Jahre in Japan

Junglaub. Jahre in Japan



Verbrecher Verlag
560 Seiten
ISBN: 9783957321589

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Kennt ihr Jiro Taniguchi und seine Alltagsbeobachtungen aus Japan? Wer Taniguchis Graphic Novels liebt, dem wird auch dieses Buch gefallen!

Der Niederländer Detlev van Heest lebte mehrere Jahre in Japan. Als Journalist und Schriftsteller mit eher wenig Aufträgen hatte er genug Zeit, Kontakt zu den Nachbarn in seinem Viertel Junglaub (eingedeutsche Übersetzung irgendeines Stadtteils in Tôkyô) zu knüpfen. Und diese lieferten ihm dann auch genug Stoff, doch noch ein Buch mit knapp 600 Seiten zu schreiben.

Van Heest ist tagsüber zu Hause, und so konzentriert sich sein Erzählkosmos vor allem auf diejenigen, die zu dieser Zeit Freizeit haben: Alte Leute und Hausfrauen. So erzählt van Heest von der schleichenden Demenz seiner Nachbarin, wie eine Witwe zurechtkommt, seitdem ihr Mann gestorben ist und wie ein alter Mann ihm schließlich beichtet, dass er im Krieg Niederländer erschießen musste.

Jedem Nachbarn widmet Heest ein eigenes Kapitel. Die Kapitel erzählen von Heests alltäglichen Begegnungen mit seinen Nachbarn, immer über einen Zeitraum von mehreren Jahren, sodass die Kapitel bis zu 100 Seiten lang werden können.

Genau wie Jiro Taniguchi versucht van Heest, noch die kleinsten, scheinbar unbedeutenden Momente des Alltags einzufangen: Gartenpflege, das Wetter, die Familie – viele, scheinbar noch so belanglose Themen werden minutiös in den Dialogen, die er mit seinen Nachbarn führt, abgehandelt. Es sind so viele Dialoge, dass das Buch gefühlt eigentlich nur aus Dialogen besteht. Van Heest nutzt diese – von ihm meist unkommentierten – Dialoge aber geschickt, zur Beschreibung der Personen. die Dialoge gibt er nur wieder, die Meinung dazu muss man sich selbst machen:

[van Heest] „Denken Sie manchmal daran, früher mit dem Arbeiten aufzuhören?“
[Herr Bohrinsel] „Sie meinen: daran, meinen Friseursalon zu schließen und mir eine andere Arbeit zu suchen?“
„Nein, richtig aufzuhören mit Arbeiten. Keine andere Arbeit zu suchen. Von ihrem Ersparten zu leben.“
„Nein, darüber habe ich noch nie nachgedacht.“
[…]
[van Heest] „Gut, Sie können natürlich ein Polster zurückbehalten. Was übrig bleibt, können Sie dann ganz zum Schluss für einen guten Zweck spenden.“
„Meinen Kunden!“ , vermutete er. (127 f.)

Junglaub. Jahre in Japan ist ein sehr ruhiges, fast schon in japanischer Erzähltradition „ereignisloses“ Buch. Man muss diesen Erzählstil, die feinen Beobachtungen des Alltags wirklich mögen, denn so nett die Beobachtungen auch sind, so ziehen sich die Dialoge an manchen Stellen dann doch auch in die Länge und ich habe an manchen Stellen auch einfach mal weitergeblättert. 600 Seiten sind für das, was tatsächlich erzählt wird, wirklich sehr großzügig bemessen – andererseits geben sie aber dann auch wieder Raum für sehr viel japanischen Alltag. Ein vergleichbares Buch, das in diesem Umfang beobachtet, gibt es bisher nicht.

Es macht es Spaß, in van Heests japanischen Alltagsgeschichten zu versinken – doch dafür muss man sich meiner Ansicht nach eben auch wirklich für Japan interessieren. Und wenn man das tut, dann hat das Buch leider einen deutlichen Makel: Bei der Namensgebung wurden – sei es vom Autor selbst, sei es bei der Übersetzung – Namen eingedeutscht. Im Extremfall sieht das dann so aus:

Samstagvormittag, 14. September. Um kurz nach halb elf wurde es bei bei den Westbaums lebhaft. Frau von Leer, Witwe Baugrube und auch Frau von Hof standen vor der Tür. Papa Westbaum fuhr den Geländewagen bis vor die Tür und machte die Klappe hinten auf. (418)

Egal ob es Sinn macht oder nicht, alles was geht, wird übersetzt: So gibt es das Teewasserkrankenhaus, die Zeitung Morgensonne (Asahi Shinbun – ein Eigenname, der auch international so verwendet wird), den Volkssänger Schwachstrom und die Familie Binneneiland. Selbst eine Familie van Tricht gibt es in van Heests Viertel Junglaub, das ebenfalls eine Übersetzung sein muss. Dass diese Übersetzung dann für die deutsche Ausgabe noch in den Romantitel (im Original heißt das Buch De verzopen katten en de Hollander) aufgenommen wird, finde ich schwer nachvollziehbar.

Abgesehen davon, dass die deutsche Namensgebung leider das japanische Flair, das van Heest mit seinen detaillierten Beobachtungen aufbaut, immer wieder kaputt macht, ist sie leider auch nicht konsequent: So wird, wenn vorhanden (oder nicht übersetzbar?) auch ein japanischer Name genutzt. Am seltsamsten ist dies in Kombination eines japanischen und deutschen Namens wie beim Japaner Daisuke Siebenseen.

Stört ihr euch beim Lesen dagegen nicht an dieser seltsamen Namensgebung, dann könnt ihr genießen, was van Heest mit seinem Roman besonderes schafft: Einen ganz intimen, unaufgeregten Blick auf Japan. Ganz nah am japanischen Alltag und weit weg von den aufgeregten Japan-Büchern über verrükte japanische Sitten und Unterwäscheautomaten.

Fazit

Japanische Alltagsbeobachtungen für alle, die dicke Bücher und einen ruhigen Erzählstil mögen!

Verfasst am 3. Juli 2016 von

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