Der nasse Tod

Der nasse Tod

水死
Rezension vom: 19. Juli 2019 von // Zuletzt aktualisiert: 12. März 2026

In Der Nasse Tod widmet sich Kenzaburō Ōe einem Thema, das ihn noch nach Jahrzehnten beschäftigt: dem Tod seines Vaters im Alter von nur 50 Jahren bei einem Hochwasser im Jahr 1945.

Bis heute ist nicht ganz klar, was an jenem Abend passierte, als das Hochwasser kam: Warum stieg der Vater mit einem roten Koffer in ein Boot? Wollte er fliehen, oder wusste er von Anfang an, dass er in den Fluten sterben würde? Die offenen Fragen bewegen Kenzaburō Ōe wohl nicht nur persönlich, sondern eignen sich darüber hinaus natürlich auch als Stoff für einen spannenden Roman.

Doch wer nun einen Roman über die Geschehnisse im Jahr 1945 erwartet, wird enttäuscht. Wie bereits aus Romanen wie Stille Tage bekannt, lässt Kenzaburō Ōe sein Alter-Ego – hier Kogii genannt – als Romanautor auftreten und erzählt aus dessen Perspektive, ähnlich einem persönlichen Bericht, wie dieser den Roman in Angriff nimmt. Kogii reist dazu in die Wälder von Shikoku, wo sein Vater ums Leben kam und wo seine Schwester bis heute wohnt. Sie ist im Besitz eben jenes roten Koffers, den ihr Vater damals mit in die Fluten nahm. Kogii erhofft sich von diesem Koffer entscheidende Hinweise, auf deren Grundlage er seinen Roman entwerfen kann.

Auch wenn der Roman in gewisser Weise fiktiv ist, webt Kenzaburō Ōe – wie auch aus anderen Werken bekannt – viele persönliche Fakten ein und lässt Freunde und Familienmitglieder auftreten, sodass nicht immer klar ist, was Fakt und was Fiktion ist. Dieser scheinbar intime Einblick in das Seelenleben von Kenzaburō Ōes selbst ist Kennzeichen vieler seiner späteren Romane. Der Roman über den Tod seines Vaters tritt so scheinbar zurück hinter den Bericht von Kogii darüber, wie er versucht, den Roman zu schreiben:

„Der Roman handelt von einem Schriftsteller, der eine Geschichte in der ersten Person aufzuschreiben beginnt, später von einer tiefen Strömung emporgetrieben, hinabgezogen und am Ende von einem Strudel verschluckt wird.“

Kenzaburō Ōe, Der Nasse Tod, Seite 14

„Ich dachte, das Ich, das den Roman verfasst und zugleich dessen Protagonist ist, auch wenn Sie sagen, dass das unmöglich sei, könnte einen Helden in der dritten Person schaffen.“

Kenzaburō Ōe, Der Nasse Tod, Seite 333

Gerade das zweite Zitat veranschaulicht, wie Kenzaburō Ōe das Gefühl erzeugt, dass man ihm beim Lesen quasi über die Schulter schauen und ihn direkt bei seiner Arbeit beobachten könne. Aus dem Roman wird somit ein Werk über einen Autor, der einen Roman über den Tod seines Vaters schreiben möchte, anstatt nur ein Roman über den Tod seines Vaters zu sein.

Darüber hinaus werden im Roman weitere Themen auf einer Metaebene verhandelt: Ein Gruppe an Schauspielern, die Der Tag, an dem er selbst aufführen möchte, bietet Anlass für Kogii, mit ihnen über sein Buch zu diskutieren. Der Tag, an dem erst selbst ist dabei inhaltlich dem Nassen Tod nahe, da es ebenfalls – jedoch auf einer viel fiktiveren Ebene – die Rolle von Ōe Vater verarbeitet.

Daneben nehmen auch die Theaterstücke, die die Schauspielgruppe aufführt, einen großen Raum im Roman ein. An diesen Stellen ist es teilweise verlockend, einfach weiterzublättern. Auch wenn dies der Gesamtkomposition des Romans und den reichhaltigen Anspielungen, die Kenzaburō Ōe macht, vielleicht nicht gerecht wird, sind dies gerade die Passagen, die Leser, die Ōe bisher nicht kennen, davon abhalten könnten, den Roman tatsächlich zu Ende zu lesen.

Abgesehen davon bleibt die Entwicklung im Roman spannend: Kogiis Arbeiten an seinem Roman kommen nicht so voran, wie er es sich vorgestellt hat, gesundheitliche Probleme setzen ihm zu, und zudem verschlechtert sich sein Verhältnis zu seinem Sohn Akari (Hinweis: Akari ist ein Alter Ego von Kenzaburō Ōes geistig behindertem Sohn Hikari, der in den meisten seiner Romane eine zentrale Rolle spielt). Kogii erkennt mit seinen 74 Jahren, dass er an seine Grenzen stößt und dass zugleich seine verbleibende Zeit begrenzt ist. Welche Gefühle davon tatsächlich Ōes betreffen und welche der Kunstfigur zuzurechnen sind, muss offen bleiben; dennoch ist es korrekt, den Roman sowohl als fiktionales Werk – wie es Kogii tut – als auch als Teil von Ōes Spätwerk zu betrachten.

Was für Stille Tage gilt, gilt auch für Der Nasse Tod: Wer das Familienleben und die Charaktere der fiktiven und zugleich doch realen Familie Ôe bereits kennt, kann mit diesem Roman wieder in ihre Welt eintauchen. Wer bisher jedoch noch keinen Titel von Kenzaburō Ōe gelesen hat, könnte durch die vielen Diskussionen um Theater und Literatur abgeschreckt werden. Hier würde sich zum Einstieg eher ein Roman wie Reißt die Knospen ab empfehlen, der eine lineare Geschichte erzählt, für die kein Hintergrundwissen über Kenzaburō Ōes bisheriges Werk notwendig ist.

Fazit
Ein beeindruckender Roman aus dem Spätwerk Ōes, der sich einem schwierigen Thema – dem Tod des eigenen Vaters – aus einer besonderen Perspektive annähert.

Weitere Bücher von Kenzaburo Ōe

Reißt die Knospen ab
1999 Reißt die Knospen ab 芽むしり仔撃ち
Eine persönliche Erfahrung
1991 Eine persönliche Erfahrung 個人的な体験
Alle 19 Bücher

Artikel im Blog

Zufällig ausgewählt: In Büchern stöbern

ランダムに選択しました

Liebesdurst
Wenn alle Katzen von der Welt verschwänden
Die Bibliothek meines Großvaters
Neue Rundschau: Japan
Butter
Böse Absichten

Die neuesten Rezensionen

Katzenpfade: Japan
Katzenpfade: Japan 15. März 2026
Die Mitternachtsbäckerei
Die Mitternachtsbäckerei 7. März 2026
Matcha Tee am Montag
Matcha Tee am Montag 6. März 2026
Die Bibliothek meines Großvaters
Die Bibliothek meines Großvaters 5. März 2026
Akikos lange Reise
Akikos lange Reise 28. Februar 2026
Die Geisha
Die Geisha 27. Februar 2026
Literatur direkt aus Japan Literatur direkt aus Japan

Hier erfährst du mehr über Bücher, die es bisher nur in Japan gibt.

Bücher kaufen Wo kann ich japanische Bücher kaufen?

Ein kleiner Guide für Einsteiger

Zeitstrahl Zeitleiste

Suche dir Bücher aus nach der Zeit, in der sie spielen.

Neuerscheinungen Neuerscheinungen

Alle Neuerscheinungen für im Überblick.