Bereits Asako Yuzukis Deutschlanddebüt Butter stach durch seine besondere Perspektive auf weibliche Rollenbilder in der japanischen Gesellschaft aus den Neuerscheinungen des Jahres 2022 hervor. Auch Tokyo Girls Club ist wieder ein ungewöhnlicher Roman, der ein Porträt von Frauen in ihren Dreißigern zeichnet, die ihren Platz in der Gesellschaft finden müssen.
Im Zentrum der Handlung stehen die beiden Frauen Eriko und Shoko, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Eriko stammt aus einem guten Elternhaus, in dem sie auch mit über 30 Jahren noch immer wohnt. Sie achtet sehr auf ein gepflegtes Äußeres und hat einen begehrten Job in einer Handelsfirma, der auch Auslandsreisen beinhaltet. ÄÄußerlich betrachtet führt Eriko also ein angenehmes Leben und besitzt alles, was sie sich nur wünschen kann. Einzig Freundschaften kann sie nicht wirklich schließen. Ihr Wunsch nach einer Freundin ist sogar so groß, dass der Wunsch nach einem Ehemann darüber in den Hintergrund rückt.
Auch Shoko fällt es schwer, Freundinnen zu finden. Anders als Eriko führt sie ein zurückgezogenes Leben als Hausfrau, da sie von der Arbeitswelt überfordert wurde. Ihr Mann duldet dies, während sie den ganzen Tag zu Hause sitzt und unter dem Pseudonym „Heilbutt“ einen Blog über das Leben als Hausfrau führt.
Als Shoko mit ihrem Blog immer bekannter wird, wird auch Eriko auf sie aufmerksam.Nach einem für beide sehr unterhaltsamen ersten Treffen ist Eriko sofort überzeugt, endlich eine Freundin fürs Leben gefunden zu haben. Doch während Eriko sich immer stärker auf Shoko fixiert, erkennt Shoko, dass sie es mit einer Stalkerin zu tun hat.
Asako Yuzuki erzählt von zwei Frauen, die auf den ersten Blick ihren Platz in der Gesellschaft gefunden haben und von außen betrachtet jeweils kein unbequemes Leben führen. Blickt man hinter die Kulissen, werden beide jedoch von einer unsichtbaren Last erdrückt. Die Freundschaft, die beiden helfen soll, mit dieser Last umzugehen, wird schließlich schnell selbst zum Problem und die beiden Frauen zu erbitterten Konkurrentinnen.
Im Vordergrund steht weniger die Handlung als vielmehr die Gefühlswelt der beiden Frauen. In ausgedehnten inneren Monologen führen sich beide das Geschehene vor Augen, durchdenken es – oft mehrfach – und drehen sich dabei im Kreis. Beim Lesen erzeugt dies auf Dauer ein Gefühl der Niedergeschlagenheit, da bei den beiden keinerlei Fortschritt erkennbar ist.
Tokyo Girls Club ist damit, wie auch schon Butter, ein ernster, gesellschaftskritischer Roman, der bestimmte Probleme porträtiert, ohne dafür eine Lösung anzubieten oder überhaupt finden zu wollen. Das Porträt, das der Roman zeichnet, ist jedoch inhaltlich und sprachlich so genau und pointiert, dass er trotz seiner negativen Grundthematik ein besonderer Lesegenuss ist.



















