Neben Samurai, Kimono und Ikebana gehört die japanische Teezeremonie wohl zu den zentralen Elementen, die auf keiner Aufzählung zur „japanischen Kultur“ fehlen dürfen.
Die auf den ersten Blick sehr simple, jedoch hoch ritualisierte Praxis der Teezubereitung ist eine jahrhundertealte Tradition, in der – so heißt es – wahre Meisterschaft nur durch beharrliches, stetiges Üben erreicht werden kann.
Der Widerspruch zwischen der scheinbaren Einfachheit einer Prozedur wie der Teezubereitung einerseits und den damit verbundenen hochkomplexen kulturellen Praktiken andererseits macht die Teezeremonie zunächst schwer verständlich – gerade darin liegt jedoch vermutlich ihr kultureller Reiz für Außenstehende.
Noriko Morishita, die selbst seit 25 Jahren wöchentlich Unterricht in der Teezubereitung nimmt, versucht in Die Weisheit des Tees, in einem essayistisch-erzählenden Stil einzufangen, was es für sie persönlich bedeutet, sich dem Chadō (Weg des Tees) zu verschreiben.
Im Jahr 1977 beschließt die damals 20-jährige Morishita, inspiriert von der kultivierten Frau Takeda, bei ihr Unterricht in der Teezubereitung zu nehmen.
Es folgen seitenlange Beschreibungen der Rituale, Gegenstände und Handlungen bei der Teezeremonie. Beispielsweise wird im Detail beschrieben, auf welche Weise kaltes und warmes Wasser aus einem Gefäß zu schöpfen ist. Auch wenn man sich nicht allzu sehr für die Details interessiert, lohnt es sich, diese teils sehr ausführlichen Beschreibungen dennoch weiterzulesen. Erstens sind die Details zu Beginn notwendig, um ein Gefühl für die Komplexität zu entwickeln. Zweitens zeigt sich im Verlauf schließlich sehr eindringlich, wie die jahrelange Mühe Morishitas zu einer veränderten Gesamtwahrnehmung führt.
In der Teezeremonie geht es nicht nur um den Tee, sondern um eine kulturelle Praxis, die sehr stark mit dem Zyklus der Jahreszeiten korrespondiert: Der Wandel der Jahreszeiten findet seinen Niederschlag in den die Zeremonie begleitenden Blumen, Süßigkeiten und Gebrauchsgegenständen sowie in den Kalligrafien, die das Teezimmer schmücken.
So nimmt Morishita nach einigen Jahren der Teepraxis Dinge plötzlich anders wahr: Das Tropfen von heißem Wasser klingt anders als das von kaltem Wasser, der Regen wirkt je nach Jahreszeit unterschiedlich, und Blumen und Düfte bekommen eine viel größere Bedeutung. Damit einhergehend verdichtet sich auch die Erzählweise Morishitas nach der ersten Hälfte und wird zunehmend atmosphärischer. Morishita schafft es so, ihre Lernkurve sehr plastisch über ihre Erzählweise erfahrbar zu machen.
Wer Morishitas Buch liest, wird am Ende kein Experte in der Teezeremonie sein, aber verstehen, was es bedeutet, sich einer Sache konzentriert und über Jahre hinweg zu widmen. Morishita macht deutlich, dass Verständnis Zeit benötigt – nicht nur in der Teezeremonie, sondern auch in anderen Lebensbereichen. Ihr Buch ist damit nicht nur ein Buch über die Teezeremonie, sondern über die Kunst der Entschleunigung des Alltags und die Freude an den kleinen Zeichen der Natur.



















