Die Fußspur Buddhas

Die Fußspur Buddhas

Aus dem Tagebuch eines sonderbaren Greises



Originalausgabe:
瘋癲老人日記 Chûô Koronsha 1960

Aus dem Japanischen von Josef Bohaczek:
Iudicium
257 Seiten
ISBN: 9783862051212

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Mit die Fußspur Buddhas von Jun‘ichiro Tanizaki erscheint ein Klassiker japanischer Literatur nun in Neuübersetzung und konkurriert mit der bei vielen sicher bekannten deutschen Ausgabe Tagebuch eines alten Narren. Lohnt sich die Neuausgabe?

Aktuell befinden wir uns in der luxuriösen Situation, dass gleich beide Ausgaben erhältlich sind: Die hier vorgestellte Neuübersetzung die Fußspur Buddhas von 2018 von Josef Bohaczek aus dem Iudicium Verlag sowie die Übersetzung von Oscar Benl von 2015 von Manesse . Zwar wurde die momentan erhältliche Ausgabe von Manesse zuletzt 2015 durchgesehen, im Wesentlichen ist und bleibt es aber eine Übersetzung aus dem Jahr 1966.

Zwischen beiden Versionen liegen also gute 50 Jahre. Das merkt man den Übersetzungen an, zuallererst aber springen natürlich die unterschiedlichen Titel ins Auge: Bei Iudicium wurde ein vollkommen neuer Titel gewählt. Die Fußspur Buddhas deutet auf eine Szene im Buch hin, bei der es um das Verhältnis des Protagonisten Utsugi Tokusuke zu seiner Schwiegertochter geht.

Der Übersetzer erklärt im Nachwort seine Absicht, damit „auf einen nicht selbsterklärenden und vom Autor auch nicht erklärten Sinnzusammenhang“ (S. 251) hinweisen zu wollen. Mit der Wahl dieses Titels setzt Bohaczek vor allem aber auch den Akzent des Buches auf genau dieses Verhältnis und damit das Thema Verlangen und Sexualität im Alter. Dieses ist eines der Hauptthemen und auch der Grund, warum das Buch in den 60ern in Japan so populär wurde und auch für seine Verhältnisse den Weg relativ schnell in den Westen schaffe.

Tanizaki beschreibt in Tagebuchform die Gedanken eines alten Mannes, der traditionell mit seiner Frau und der Familie seines Sohnes zusammenwohnt. Er ist aber alles andere als der nette Opa, sondern kreist um sich selbst: Seine Gebrechen, seine Begehren und vor allem seine Schwiegertochter sind seine Themen. Seine Tagebucheinträge sind dabei nicht ganz ohne Selbstironie, was das Buch eben doch zu mehr macht als nur dem Gejammer eines alten Mannes. Die Fußspur Buddhas liest sich äußerst kurzweilig (bis aus die Nô-Theaterszenen, die man getrost überspringen kann) und hält am Ende noch ein paar Überraschungen bereit, als nun auch die Pflegerin, der behandelnde Arzt und der Sohn in eigenen Aufzeichnungen ihre Sicht über den sonderbaren Greis schildern.

Den alten Narren von Oscar Benls Übersetzung im Untertitel nun zu einem sonderbaren Greis zu machen war dem Übersetzer übrigens ein Anliegen. Im Nachwort erläutert er logisch schlüssig und mit einer gewissen Akribie diese Entscheidung. Dass der gesamten Übersetzung wohl das Ziel zugrunde liegt, möglichst präzise zu sein, zeigen gleich die ersten Sätze:

„Gehe in die Abendvorstellung des Dai-ichi Gekijô in Shinjuku. Auf dem Programm stehen ,Onshû no konata (h)e‘ (Jenseits von Liebe und Hass), ,Hikoichi-banashi‘ (Hikoichis Erzählungen), ,Sukeroku Kuruwa no Momoyogusa‘. Möchte mir aber nur Sukeroku ansehen, die anderen Stücke nicht. Kanja in der Rolle von Sukeroku“ – nun ja. Aber Tosshô als Agemaki, das muss hinreißend sein, denke ich und bin auf Agemaki mehr gespannt als auf Sukeroku. Bin in Begleitung von Oma und Satsuko.Ausgabe Iudicium, 2018, S. 9

Dagegen derselbe Teil deutlich kürzer:

„Heute war ich in der Abendvorstellung des Theaters Dai-ichi-gekijo in Shinjuku. Man spielte ,Sukeroku‘. Meine Frau und Satsuko begleiteten mich.“Ausgabe Manesse, 2015, S. 5

Während die alte Übersetzung sich auch herausnimmt, einzelne, unwichtige Informationen wegzulassen, enthält die Ausgabe von 2018 alles. Das ist prinzipiell erstmal positiv, auch wenn die vielen Informationen, die von Tanizaki zum Nô-Theater gegeben werden, so voraussetzungsreich sind, dass man sie nur schwer versteht. 1966, in einer Zeit, in der Japan noch weiter weg war als heute, war Benls Entscheidung nachvollziehbar, den Roman hier durch Kürzungen zugänglicher zu machen. Aber auch heute ist Nô ein Thema, mit dem sich nur die wenigsten auskennen werden beziehungsweise das nur die wenigsten interessieren wird.

Ebenfalls neu ist die Erzählzeit in der Gegenwart sowie die eher kurzen, notizartigen Sätze im Vergleich zum literarisch-erzählenden Stil bei Benl. Auch bei der Abweichung zwischen Oma und meine Frau im obigen Beispiel liegt kein Fehler vor, sondern Boharczek übernimmt nach eigenen Angabe die Anrede aus dem Original. Da allerdings der Kontext fehlt, ist der Gebrauch von Oma hier missverständlich.

Auch wenn beide Ausgaben sprachlich also ganz unterschiedlich ausfallen, insgesamt befinden wir uns bei beidem auf einem hohen Niveau. Positiv hervorzuheben bei der Ausgabe aus dem Iudicium Verlag sind zusätzlich die farbigen Illustrationen von Sophia Yamaguchi, bei Manesse dagegen gibt es ein Nachwort von Eduard Klopfenstein, das den Roman ausführlich erläutert und dadurch noch einmal zugänglicher macht.

Fazit

Nach über 50 Jahren erhält ein Klassiker japanischer Literatur mit dieser Neuübersetzung eine Frischekur.

Verfasst am 31. Juli 2019 von

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