Chor der Pilze

Chor der Pilze

Rezension vom: 15. April 2025 von // Zuletzt aktualisiert: 27. Februar 2026

Naoe ist schon weit gereist, war als junge Frau während des Zweiten Weltkriegs mit ihrem Mann in China und folgte schließlich ihrer Tochter Keiko, als diese mit ihrem Mann nach Kanada auswanderte.

Doch in Kanada ist Naoe nie wirklich angekommen. Nun sitzt sie auf einem Stuhl – immer auf demselben Stuhl – in einem Haus, durch das der Wind pfeift. In einem staubigen, trockenen Klima betreibt ihre Tochter eine Pilzfarm und versucht, sich wie eine Kanadierin zu verhalten. „Tochter von meinem Körper, aber nicht von meinem Mund“ (Seite 38 des Romans), so bezeichnet Naoe ihre Tochter Keiko. Japanisch spricht nämlich nur noch Naoe selbst – und niemand hört ihr mehr zu, außer ihrer Enkelin Muriel, die sie jedoch nicht versteht, da sie nie Japanisch gelernt hat.

Ungefähr die eine Hälfte des Romans wird aus der Perspektive Naoes, die andere Hälfte aus der Perspektive Muriels, in kleineren Anteilen auch aus der Perspektive Keikos erzählt. AAuf einer weiteren Metaebene erzählt eine vierte Person, die mit Muriel deckungsgleich sein könnte, einem Mann „ihre Geschichte“, also wiederum die Geschichten der drei Frauen.

Für mich war der Roman an einigen Stellen nur schwer verständlich. Naoe erzählt teilweise sehr wirr; es gibt Dialoge zwischen ihr und Muriel, die ebenfalls auf einer Art Metaebene stattzufinden scheinen, denn plötzlich können sich beide verständigen, obwohl sie nicht dieselbe Sprache sprechen. Ich habe mich deshalb meist darauf konzentriert, zumindest den Handlungsverlauf grob nachvollziehen zu können.

Zusammengefasst geht es in dieser Handlung um die Gefühlswelten von Einwanderern der ersten und zweiten Generation, um Fragen von Integration und Assimilation, um asiatische Stereotype und um Rassismus.

Diese Thematik ist sprachlich in einen experimentellen, anspruchsvollen Stil verpackt, der – wie bereits erläutert – auch durch die ständige Vermischung unterschiedlicher Erzählperspektiven der Zugänglichkeit des Romans nicht zuträglich ist. Teilweise hatte ich sogar das Gefühl, der Inhalt ordne sich dieser Stilistik unter. Die Handlung wirkt hinter der überbordenden Stilistik nahezu bruchstückhaft. So bleiben inhaltlich viele Fragen offen: Warum wanderte Keiko nach Kanada aus? Warum begleitete Naoe sie? Wieso konnte die Familie ihren Familiennamen einfach in „Tonkatsu“ (jap. für Schweineschnitzel) ändern lassen?

In die Erzählungen Naoes sind immer wieder japanische Wörter und Redewendungen eingewoben, die jedoch nicht für den Leser übersetzt werden. Für Leser, die Japanisch verstehen, tragen diese Einstreuungen zur Authentizität bei. Für alle anderen stellen sie jedoch eine weitere Verständnishürde dar.

Fazit
Ein nicht leicht zugänglicher Roman über Migrationserfahrungen von Japanern in Kanada.

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