Kafka am Strand

Kafka am Strand

海辺のカフカ
Rezension vom: 11. September 2010 von // Zuletzt aktualisiert: 23. Februar 2026

November 1944. Eine Gruppe von 16 Schülern aus einem Bergdorf geht in den Wald Pilze sammeln. Auf einmal fallen alle in eine geheimnisvolle Ohnmacht. War es ein Giftgasangriff der Amerikaner? Das Rätsel kann nicht aufgelöst werden, aber zum Glück kommen alle Kinder unbeschadet davon – bis auf ein Jungen, Nakata.

Als Nakata aus einem wochenlangen Koma aufwacht, hat er alles verlernt. Seine Eltern schämen sich für seine geistige Behinderung und beachten ihn nicht mehr. Dabei fällt ihnen nicht auf, was Nakata wirklich fehlt: sein Schatten ist viel schwächer als der anderer Menschen.

Zurück in die Gegenwart, ins Tokyo der 90er Jahre. An seinem 15. Geburtstag läuft Kafka Tamura von zu Hause fort – um seinem Vater und „der Prophezeiung“ zu entgehen, nach der er wie Ödipus seinen Vater töten und seine Mutter heiraten wird. Kafka, der Bücher über alles liebt, schlägt sich bis in ein kleines Städtchen durch, wo er schließlich in der etwas verträumten und von der Wirklichkeit abgeschirmten Komura-Gedächtnisbibliothek bei einem andersartigen jungen Mann und einer melancholischen Bibliothekarin eine Unterkunft findet.

Schwierig zusammenzufassen ist die Handlung, ohne schon zu viel vorwegzunehmen. Aber auf jeden Fall ist sie sehr spannend, verknüpfen sich die beiden Handlungsstränge miteinander, auch wenn zunächst überhaupt kein Zusammenhang zu bestehen scheint. Beim Lesen stellt man deshalb nach und nach Hypothesen über die Beziehungen der Figuren im Buch, Kafkas familiäre Hintergründe und Nakatas Unfall auf. Aber im Murakami-Universum ist nichts eindeutig, sodass diese Hypothesen Hypothesen bleiben müssen.

Der Reiz dieses Buches liegt in seiner Stimmung: Die Welt ist nicht eindeutig, im Gegenteil: alles verwickelt sich nur noch mehr, ist irgendwie verbunden, ohne das man die Verbindungen noch genau nachzeichnen kann. Die Personen, die im Buch auftreten, sind alle Außenseiter, die in ihrer eigenen Welt leben. Auch Kafka ist durch seine Flucht von zu Hause frei von Zwängen und scheint sich, je länger er in der seltsamen Bibliothek weilt, immer mehr von der realen Welt und herkömmlichen Zeitrechnungen zu entfernen. Die Zeitebenen verschmelzen, alles wird eins und doch passt nichts zusammen.

Kontrastierend zu Kafkas melancholisch-nachdenklichen Passagen sind Nakatas Erlebnisse. Nakatas einfältige Rede- und Denkweise verleiht der Erzählung viel Humor und gibt dem Buch Abwechslung: Während Kafka zu viel reflektiert, handelt Nakata in seiner geistigen Beschränktheit nur aus dem Bauch heraus. So sind die unterschiedlichen Stimmungen im Buch gut ausbalanciert und durch die zwei sich abwechselnden Handlungsstränge kommt auf den 637 Seiten keine Langeweile auf.

Fazit
Murakamis bisher komplexester und ausgewogenster Roman. Und das beste Beispiel für seine surreale Erzähkunst.

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