2024 erschien mit das Loch Hiroko Oyamadas erster Roman auf Deutsch. Ihr tatsächliches Erstlingswerk, Die Fabrik, wurde zwei Jahre später ebenfalls ins Deutsche übersetzt.
Beide Romane verbindet ein ganz eigener, verträumt-skurriler Stil, der sich am ehesten dem Magischen Realismus zuordnen lässt. Ist es in Das Loch die Natur, die die Erzählerin immer tiefer in eine skurrile Welt hineinzuziehen scheint, so ist es in Die Fabrik eine zwar von Menschen geschaffene, für sie inzwischen jedoch schier unüberschaubare Fabrikanlage, die zum Schauplatz für drei Figuren wird, die ihr Arbeitsleben dort mehr oder weniger sinnlos verbringen.
Wie lange die Fabrik bereits existiert und was dort überhaupt produziert wird, bleibt unklar. Auch ihre Grenzen zur Außenwelt scheinen sich zunehmend aufzulösen. Diese eigentümliche Unbestimmtheit prägt auch den Alltag der drei Protagonisten. Furufue ist eigentlich Moosforscher. Statt jedoch an der Begrünung der Fabrik mitzuwirken, führt er Besuchergruppen über das weitläufige Gelände und erklärt ihnen die verschiedenen Moosarten.
Ein hochqualifizierter Systemingenieur hat seinen unbefristeten Arbeitsplatz verloren und arbeitet nun als Korrektor in der Fabrik. Tag für Tag überprüft er Texte, ohne ihren Zusammenhang oder ihren Zweck zu kennen. So gleicht er etwa Übersetzungen zu den Skizzen einer Maschine ab, ohne je zu erfahren, wozu sie dient oder was in ihr überhaupt hergestellt werden soll.
Die dritte Protagonistin ist die Mittzwanzigerin Ushiyama, die ebenfalls in der Fabrik arbeitet. Ihre Aufgabe besteht darin, Dokumente zu schreddern. Wie die beiden anderen beginnt auch sie mit der Zeit, den Sinn ihrer Tätigkeit zu hinterfragen:
„Was mache ich hier überhaupt? Ich bin über zwanzig und weder in der Lage, ein ordentliches Gespräch zu führen, noch eine Arbeit zu verrichten, die jede Maschine besser erledigen könnte. Ich bediene den Schredder nicht, ich assistiere ihm.“
Hiroko Oyamada, Die Fabrik S. 124
Je länger sich die drei Protagonisten in der Fabrik aufhalten, desto stärker lösen sich – ähnlich wie bereits in Das Loch – die Grenzen zwischen Realität und einer Wirklichkeit auf, die zunehmend den eigentümlichen Gesetzen der Fabrik folgt. So stellt eine der Figuren fest, dass die Jahreszeiten ihre Bedeutung verlieren und stattdessen ein monotoner Rhythmus einsetzt, in dem jeder Tag dem anderen gleicht.
Doch während die Fabrik das gesamte Leben ihrer Angestellten durchdringt und kaum noch Raum für Privates lässt, ereignen sich auf ihrem Gelände immer skurrilere Dinge. So gibt es einen Wald, in dem selbst tagsüber beinahe völlige Dunkelheit herrscht. Vor seinem Betreten wird eindringlich gewarnt, denn dort soll ein Waldgeist leben, der jedem, der ihm begegnet, die Hose herunterzieht – ausgenommen sind lediglich Anzugträger.
Auf dem Fabrikgelände leben zudem Tiere, die es sonst nirgends gibt: Fabrikvögel, Nutrias und Waschmaschinenechsen haben sich dort als eigene Spezies herausgebildet. Am auffälligsten sind dabei die Fabrikvögel: Sie leben am Fluss der Fabrik, können sich weder fortpflanzen noch sterben und sind zudem flugunfähig.
Die Erzählstimmung ist insgesamt ruhig. Die Fabrik und ihre fantastischen Elemente werden mit einer Selbstverständlichkeit beschrieben, als wäre all dies völlig normal. In ihrer verträumten Erzählweise erinnert der Roman stark an die Werke Yōko Ogawas, insbesondere an Insel der verlorenen Erinnerung, in der selbst eine eigentlich apokalyptische Situation mit einer Ruhe erzählt wird, als wäre sie das Normalste der Welt. Ähnlich verliert auch die Fabrik trotz ihrer latenten Bedrohlichkeit ihren Schrecken und wirkt in ihrer fantastischen Eigenlogik weniger bedrohlich als vielmehr ungreifbar.
So außergewöhnlich das Setting der Fabrik auch ist, die Figuren bleiben dem Leser gegenüber auf Distanz. Auch die zwischen den drei Protagonisten wechselnde Erzählperspektive wirkt zu Beginn etwas verwirrend. Ohne den Klappentext, der den Ausgangspunkt der Handlung erläutert, fällt die Orientierung zunächst schwer.
Hinzu kommt, dass der Roman kaum Absätze enthält. Lediglich die Wechsel der Erzählperspektive gliedern den Text; innerhalb der einzelnen Erzählblöcke gibt es wiederum keine weiteren Absätze, was den Lesefluss etwas erschwert.
Die Fabrik ist damit kein Roman, der sich jedem Leser unmittelbar erschließt, und verlangt eine gewisse Konzentration. Hat man sich jedoch erst einmal auf seinen eigentümlichen Erzählstil eingelassen, bleibt es jedem selbst überlassen, ob man ihn als Allegorie auf die moderne Arbeitswelt oder als fantastische Dystopie liest.























