Die sinkende Sonne erschien in Deutschland erstmals und zugleich zuletzt 1958. Nun wird der Roman, der inzwischen zu den Klassikern der japanischen Nachkriegsliteratur zählt, gleich von zwei Verlagen neu aufgelegt.
Sowohl Anaconda als auch Reclam greifen auf die Übersetzung von Oscar Benl aus dem Jahr 1958 zurück. Für diese Rezension habe ich die Ausgabe des Anaconda-Verlags gelesen. Im Impressum wird darauf hingewiesen, dass der Text „von sprachlichen Eigenheiten auf neue Rechtschreibung umgestellt und an wenigen Stellen behutsam überarbeitet“ wurde.
Für die Reclam-Ausgabe findet sich ein entsprechender Hinweis im Impressum nicht. Vergleicht man jedoch die erste Seite beider Ausgaben, zeigt sich, dass sich der Text lediglich an zwei Stellen unterscheidet („übel“ und „eitel“).
Während Anaconda das Nachwort von Oscar Benl beibehalten hat, verzichtet Reclam darauf und ergänzt stattdessen ein neues Nachwort der Japanologin Elena Giannoulis.
Für welche Ausgabe man sich entscheidet, hängt somit vor allem davon ab, welches Nachwort man bevorzugt und welche Gestaltung man optisch ansprechender findet.
Über das Äußere hinaus gibt es natürlich noch einiges zur Handlung selbst zu schreiben. Die sinkende Sonne steht in Japan sinnbildlich für den Wandel überkommener Konventionen und gesellschaftlicher Normen nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Mittelpunkt steht Kazuko, die gemeinsam mit ihrer Mutter, der „letzten Lady Japans“, von Tōkyō in ein Haus auf dem Land ziehen muss, nachdem die einst adelige Familie verarmt ist.
Kazukos Vater ist bereits seit zehn Jahren tot. Ihre Mutter ist anmutig, aber zugleich schwach, während Kazuko selbst mit 29 Jahren nach einer Fehlgeburt und einer gescheiterten Ehe wieder zu ihrer Mutter zurückgekehrt ist.
Schließlich kehrt auch Kazukos im Krieg als vermisst gemeldeter Bruder Naoji zurück. Doch statt Freude bringt seine Rückkehr vor allem neue Probleme mit sich: Naoji ist wie schon vor dem Krieg drogenabhängig und scheint nicht in der Lage zu sein, etwas anderes zu tun, als das verbliebene Geld der Familie dafür auszugeben.
Während Kazukos Mutter zunehmend von ihrer Krankheit gezeichnet wird und trotz allem ihrem feinen Charakter entsprechend würdevoll aus dem Leben scheidet, beginnt Kazuko ihre ganz persönliche Revolution. Sie liest die Schriften Rosa Luxemburgs und versucht, die Beziehung zu einem verheirateten Mann wieder aufleben zu lassen. Dabei sehnt sie sich nicht nur nach Leidenschaft, sondern auch nach einem eigenen Kind.
Die sinkende Sonne ist von einer melancholischen, teilweise ausweglos wirkenden, zugleich aber keinesfalls düsteren Stimmung geprägt. Würde es sich um einen Young-Adult-Roman handeln, würde das Buch vermutlich mit einer deutlichen Trigger-Warnung versehen werden, denn neben dem Tod ist auch das Thema Suizid als möglicher und teils sogar legitim erscheinender Ausweg aus dem Leben stark präsent.
So wird etwa Kazukos Mutter selbst im Tod noch als schön und würdevoll beschrieben:
„Die bleichen Lippen waren leicht geschwungen, als wollte sie lächeln. Sie erschien noch reizvoller als während ihres Lebens.“
Osamu Dazai, Die sinkende Sonne, 2026, E-Book-Ausgabe
Der Tod wird dabei nicht nur ästhetisiert, sondern erscheint stellenweise auch als Erlösung von der Last des Lebens. Auch der Suizid wird damit als möglicher Ausweg aus einem als unerträglich empfundenen Leben dargestellt:
„Schön sind alle die, die sterben. Aber das Leben! Dieses bloße Weiterexistieren! Das ist so schmutzig und hässlich und riecht nach Blut.“
Osamu Dazai, Die sinkende Sonne, 2026, E-Book-Ausgabe
Der Tod ist damit im Roman allgegenwärtig, und für die meisten Figuren in Kazukos Umfeld scheint es nur wenige Aussichten auf einen anderen Ausweg zu geben. Erstaunlicherweise verzweifelt Kazuko daran jedoch nicht, sondern setzt dem Leid ihre eigenen Gefühle und ihren Lebenswillen entgegen:
„Ich liebe ihn, ich liebe ihn! Ich sehne mich so nach ihm, ich liebe ihn wirklich! Ich sehne mich wirklich mit meinem ganzen Herzen nach ihm. Ich liebe ihn so, dass nichts außer diesem Gefühl mehr in mir ist.“
Osamu Dazai, Die sinkende Sonne, 2026, E-Book-Ausgabe
Die sinkende Sonne ist damit nicht nur ein Roman über den Wandel überkommener Konventionen nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern zugleich das feinfühlige Porträt einer jungen Frau, die sich gegen zahlreiche Widerstände behauptet und trotz aller Zweifel mutig ihren eigenen Weg geht. Auch 79 Jahre nach seiner Veröffentlichung hat der Roman damit nichts von seiner zeitlosen Aussagekraft verloren.

























