Der Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 gilt bis heute als historische Zäsur – nicht nur, weil den Bombenabwürfen ein wesentlicher Beitrag zum Ende des Zweiten Weltkriegs zugeschrieben wird, sondern auch, weil es sich dabei um die ersten und bislang einzigen Einsätze von Atomwaffen im Krieg gegen Menschen handelte.
Auch wenn das Buch den Titel Hiroshima trägt, behandelt es beide Atombombenabwürfe. Hiroshima sei, wie Autor John Hersey schreibt, bis heute das prominentere Beispiel und habe deutlich mehr Aufmerksamkeit erfahren als Nagasaki. Entscheidend ist daher weniger der Buchtitel als vielmehr der Untertitel: Wie die Atombombe möglich wurde.
Es geht also weniger um die konkrete Bombardierung Hiroshimas und Nagasakis oder um die persönlichen Erfahrungen der Menschen an diesem Tag. Vielmehr untersucht Hersey die globalen politischen Konstellationen und stellt letztlich eine moralische Frage: Wie konnte es geschehen, dass Waffen mit einer derartigen Zerstörungskraft gegen Menschen eingesetzt wurden?
Richard Overy zeichnet zunächst die amerikanische Kriegsstrategie nach und erläutert, wie sich die Strategie der Luftwaffe wandelte: von der Unterstützung der Bodentruppen hin zu Luftangriffen und insbesondere intensiven Flächenbombardements, wie sie zuvor beispielsweise auch von der RAF auf Dresden durchgeführt worden waren. So wurde bereits in der Nacht vom 9. auf den 10. März 1945 ein Flächenbombardement auf Tōkyō durchgeführt, bei dem innerhalb von drei Stunden rund 80.000 Menschen ums Leben kamen. Overy sieht unter anderem hierin psychologisch den Weg dafür bereitet, schließlich auch eine Atombombe einzusetzen:
„Die Opferzahl beim nur drei Stunden andauernden Brandbombenangriff auf das Zentrum der Kanto-Ebene stellte die größte Zahl ziviler Todesopfer dar, die in sämtlichen Kriegen des 20. Jahrhunderts an einem einzigen Tag zu verzeichnen war.“
Richard Overy. Hiroshima: Wie die Atombombe möglich wurde, E-Book-Ausgabe
Während dem Einsatz der Atombombe psychologisch Schritt für Schritt der Weg geebnet wurde, arbeiteten die Wissenschaftler unermüdlich daran, die Bombe tatsächlich zum Einsatz zu bringen. So fand der erste erfolgreiche Test einer Atombombe erst Mitte Juli statt – knapp drei Wochen vor ihrem ersten Einsatz. In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, dass die Wissenschaftler trotz moralischer Bedenken neugierig darauf waren, welche Zerstörungskraft eine Atombombe bei einem tatsächlichen Einsatz gegen eine Stadt entfalten würde.
Die erste Hälfte des Buches spielt chronologisch vor dem Abwurf der Atombombe und beschreibt vor allem die amerikanische Kriegsstrategie, die Arbeit der Wissenschaftler an der Bombe sowie den Kriegsverlauf aus amerikanischer Sicht.
In der zweiten Hälfte wird auch die innenpolitisch komplexe Lage Japans beleuchtet. Overy erläutert, warum eine Kapitulation aus kulturhistorischer Sicht problematisch war, zugleich aber bereits ab Februar 1945 innerhalb Japans entsprechende Diskussionen geführt wurden. Knapp zusammengefasst kommt Overy zu dem Schluss:
„Die Atombombe auf Hiroshima war nur ein Faktor unter den vielen verschiedenen Zwängen, denen sich die japanische Führung gegenübersah.“
Richard Overy. Hiroshima: Wie die Atombombe möglich wurde, E-Book-Ausgabe
Und:
„Die Bombardierung Nagasakis und die Nachwirkungen fielen mit den letzten Bemühungen zusammen, einen Beschluss des Kaisers herbeizuführen, aber bei der Entscheidungsfindung selbst spielten diese anscheinend keine Rolle.“
Richard Overy. Hiroshima: Wie die Atombombe möglich wurde, E-Book-Ausgabe
Liest man Overys Analyse, wird deutlich, dass der Einsatz der Atombombe vor dem Hintergrund dessen, was heute bekannt ist, deutlich stärker infrage gestellt werden kann.
Bis heute haben sich die USA weder bei Japan entschuldigt, noch wurde die offizielle Begründung, dass durch den Einsatz der Atombombe Millionen Amerikaner gerettet werden konnten, von offizieller Seite infrage gestellt. Die Aufarbeitung des Schreckens und Leids, das die Atombombenabwürfe vor nunmehr über 80 Jahren auslösten, ist damit bis heute nicht abgeschlossen.





















