Wilde Schafsjagd

Wilde Schafsjagd

羊をめぐる冒険
Rezension vom: 15. September 2009 von // Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2026

Der namenlose Erzähler des Romans ist ein vollkommen durchschnittlicher Typ – so durchschnittlich, dass er noch nicht einmal einen Namen hat. Er ist Inhaber einer kleinen Werbeagentur, Ende zwanzig und seine Ehe ist gerade gescheitert. Er hört gern Rockmusik, raucht und trinkt. Doch sein langweiliges, routiniertes Leben wird jäh durch einen geheimnisvollen Brief eines alten Freundes unterbrochen, der seit vielen Jahren verschollen ist.

In dem Brief bittet der Freund den Erzähler, ein Foto mit Schafen auf einer Weide überall dort zu veröffentlichen, wo es ihm möglich sei. Der Erzähler nutzt das Foto, das ihm sehr gewöhnlich erscheint, kurzerhand für seine Werbeagentur und platziert es in einem PR-Magazin einer Versicherung.

Kurz darauf taucht ein bedrohlich wirkender, schwarz gekleideter Mann auf, der dem Erzähler klarmacht, dass das PR-Magazin aufgrund des Fotos nicht erscheinen darf. Das unscheinbare Foto birgt nämlich ein Geheimnis: Es zeigt ein Schaf, das es so in der Wirklichkeit gar nicht geben dürfte.

Der mysteriöse Mann setzt dem Erzähler eine Frist von einem Monat, um dieses besondere Schaf zu finden. Der Erzähler kündigt seinen Job und begibt sich auf die „Schafsjagd“, die ihn auf die Spur seines verschwundenen Freundes und in die Einsamkeit der Berge Hokkaidōs führt – je näher er dem Schaf kommt, desto weiter scheint er sich von der Wirklichkeit zu entfernen.

Wilde Schafsjagd ist chronologisch gesehen Murakamis dritter veröffentlichter Roman und kann somit seinem Frühwerk zugerechnet werden. Schon in diesen frühen Romanen treten Elemente auf, die sich bei Murakami immer wieder finden: ein Protagonist, der Musik und Literatur liebt und eine Welt, die auf den ersten Blick alltäglich und normal erscheint, bei genauerem Hinsehen jedoch viele surreale Elemente und seltsame Charaktere beinhaltet.

Die Handlung beginnt recht belanglos: Der Erzähler berichtet von einer früheren Freundin, auf deren Begräbnis er war. Von dem Zeitpunkt an, an dem sich der Erzähler auf die „Schafsjagd“ begibt, entwickelt sich die Handlung jedoch dynamisch und wird nie langweilig, da immer neue Charaktere und überraschende Wendungen auftreten. Spätestens als der Erzähler im heruntergekommenen Hotel „Delfin“ eincheckt, in dem der verschrobene Schafsprofessor wohnt, möchte man das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Wie so oft scheiden sich an der Beurteilung des Romans die Geister: Für alle, die Murakamis surreale Elemente – etwa die Vorstellung, dass ein Schaf in den Körper eines Menschen schlüpft – nicht mögen, ist das Ende unverständlich und enttäuschend.

Wer genau diese Elemente liebt, für den ist Wilde Schafsjagd jedoch ein spannender Roman, der auch durch seinen Umfang von 320 Seiten – im Gegensatz zu den deutlich längeren Romanen Kafka am Strand (640 Seiten) oder Mister Aufziehvogel (768 Seiten) – ein guter Lesestoff für eine kürzere Lektüre darstellt.

Die Rat Trilogie von Haruki Murakami

Wilde Schafsjagd ist der dritte Teil einer lose verbundenen Trilogie. Während Wilde Schafsjagd bereits im Jahr 1991 in Deutschland veröffentlicht wurde, erschienen Hear the Wind Sing (Deutsch: „Wenn der Wind singt“) und Pinball 1973 erstmals 2015 auf Deutsch in einem Doppelband.

Zwar zählt Tanz mit dem Schafsmann nicht mehr zur Trilogie, schließt aber inhaltlich an Wilde Schafsjagd an.

Weitere Geschichten mit dem Schafsmann (der jedoch nicht exakt derselbe ist wie in den oben genannten Romanen) gibt es zudem mit Weihnachten mit dem Schafsmann sowie Die unheimliche Bibliothek.

Fazit
Ein Roman der - sofern man sich auf Murakamis surreale, fantastische, aber auch etwas verwirrende Welt einlässt - einen in den Bann ziehen wird.

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