Dieser Kriminalfall, bei dem ein Mann im Februar 1948 in einer Tokioter Bank 16 Angestellte vergiftete, hat ein reales Vorbild. Der Mörder konnte bis heute nicht gefunden werden, und ein Mann, der für die Morde verurteilt wurde, ist wahrscheinlich unschuldig. David Peace bearbeitet den Fall nun literarisch in einem experimentellen, ungewöhnlichen Fragmentroman.
War der erste Teil der Tokio-Trilogie Tokio im Jahr Null schon stilistisch für sein Genre ungewöhnlich anspruchsvoll, so wird in diesem Roman nun noch stärker mit literarischen Formen experimentiert. Der Mordfall ist bis heute ungelöst – was David Peace in einem Buch verarbeitet, das eigentlich keines ist: Zusammengesetzt aus Briefen, Amtsdokumenten, Tagebucheinträgen, Zeitungsberichten und Monologen, ist es vielmehr ein Fragment.
Auch die Textpassagen, die erzählenden Charakter haben, lesen sich keineswegs fließend, sondern werden durch abgesetzte Zeilen (ähnlich wie in einem Gedicht mit kurzen Zeilen) oder durch sich immer wiederholende Schlagwörter und Gedanken unterbrochen. Die erzählenden Figuren sind gebrochene Charaktere: die Toten, die im Chor ihr Leid klagen; die junge Frau, die nicht fassen kann, dass sie überlebt hat; und die Polizeiinspektoren, die mehr mit sich als mit ihrer Arbeit beschäftigt sind. Das Lesen wird so manchmal fast zu einem Kampf mit dem Text und erfordert Konzentration und Durchhaltewillen.
Einen kleinen Einblick zu diesem Erzählstil geben die zwei folgenden Passagen:
„In der besetzten Stadt in der besetzten Stadt IN DER BESETZTEN STADT vergeht die Zeit vergeht die Zeit VERGEHT DIE ZEIT Sekunden vergehen Minuten vergehen STUNDEN VERGEHEN“
David Peace: Tokio besetzte Stadt, E-Book-Ausgabe
„26/1/1948, 16.00 Uhr: Schnee / Freier Tag/ Im öffentlichen Bad / Anruf vom Präsidium / „Zehn Tote im Zuständigkeitsbereich des Polizeireviers Mejiro.“
David Peace: Tokio besetzte Stadt, E-Book-Ausgabe
Die Textformen im Buch sind wirklich vielfältig: Jede Perspektive auf den Fall – sei es die eines Opfers, eines Ermittlers, eines Russen, eines Amerikaners, der Toten oder des Mörders selbst – hat einen anderen, ganz eigenen Schreibstil.
Hat man am Anfang noch das Gefühl, es laufe durch die Betrachtung des Falles aus verschiedenen Perspektiven auf eine Aufarbeitung hinaus, wird man bald enttäuscht. Die historischen Hintergründe sind dafür aber umso spannender: Eine Spur führt nämlich zu einer Spezialeinheit, die während des Zweiten Weltkriegs Biowaffen entwickelte und in China testete. Aber leider bleibt auch dies nur eine Spur von vielen. Ergebnisse gibt es am Ende keine – nur die Hypothese, dass für die Morde ein wahrscheinlich Unschuldiger verurteilt wurde.
David Peace fordert mit seinem Buch den Leser heraus, mitzudenken und beim Lesen förmlich mitzuarbeiten. Gleichzeitig schafft der anstrengende Schreibstil aber auch eine ganz eigene, bedrohliche Atmosphäre einer besetzten, zerstörten Stadt mit gebrochenen Charakteren. Wer literarisch experimentelle Stile bevorzugt, wird an diesem unkonventionellen, fragmentarischen Roman viel Freude haben.
Die Tokio-Trilogie von David Peace
- Band 1: Tokio im Jahr null
- Band 2: Tokio besetzte Stadt
- Band 3: Tokio neue Stadt





















