Damals in Nagasaki

Damals in Nagasaki

Rezension vom: 8. August 2010 von // Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2026

Auch wenn Etsuko schon vor langer Zeit nach England ausgewandert ist, beschäftigt sie noch immer ihre japanische Vergangenheit in Nagasaki. Als ihre Tochter Keiko, die noch dort geboren wurde, sich das Leben nimmt, holt sie die Vergangenheit ein und sie erlebt ein zweites Mal die Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, damals in Nagasaki.

Zu dieser Zeit ist sie gerade mit Keiko schwanger. In der Nachbarschaft hat sie keine Freundinnen bis auf Sachiko, die allein mit ihrer Tochter in einer kleinen Hütte am Rand der Siedlung wohnt. Sachikos Verhältnis zu ihrer Tochter scheint gestört zu sein: Sachiko geht kaum auf die Bedürfnisse ihrer Tochter ein, lässt sie stundenlang allein zu Hause und trifft sich in der Stadt mit einem Soldaten, mit dem sie in die USA gehen will.

Was sich zunächst wie eine historische Erzählung anhört, ist genauer betrachtet ein tiefschichtiger psychologischer Roman, den man ganz genau lesen muss, um ihn zu verstehen. Etsuko erzählt nicht wirklich, wie es damals in Nagasaki war, sondern sie gibt ganz persönliche Stimmungsbilder wieder, die man Stück für Stück wie ein Puzzle zusammensetzen muss, um ihre Vergangenheit zu entschlüsseln.

Ishiguros deutet in seiner subtilen Erz√§hlart vieles nur an: auch wenn Etsuko direkt nach dem 2. Weltkrieg in Nagasaki lebt, scheint die Stadt erstaunlich friedlich. Nur in kleinen Dingen zeigt sich, was ihre Bewohner durchgemacht haben, etwa als Etsuko den Friedenspark mit der Gedenkstatue zum Atombombenabwurf besucht.

Auch der Konflikt zwischen den Generationen, der in Ishiguros späterem Roman Der Maler der fließenden Welt zum Hauptthema weiterentwickelt wird, wird schon subtil angesprochen: Etsukos Schwiegervater wird als Vertreter der alten Generation für sein Verhalten als Lehrer während des Krieges kritisiert.

Subtil ist außerdem die Verknüpfung der unterschiedlichen Zeitebenen: Ausgangspunkt der Erzählung ist Etsukos Gegenwart in England und der Selbstmord ihrer Tochter. Ihre erzählten Erlebnisse aus Nagasaki scheinen oberflächlich betrachtet überhaupt nichts mit Keikos Mord, die zu dieser Zeit noch gar nicht gelebt hat, zu tun zu haben. Der Reiz des Romans liegt darin bis zum Schluss darin, den Zusammenhang dieser beiden Ebenen zu entschlüsseln, denn Etsukos Erzählung ist kaum reflektierend oder erklärend.

Fazit
Ishiguros Debütroman ist ein Meisterwerk subtiler Erzählkunst. Dieser Roman bewegt: er wirft viele Fragen auf, die aber leider unbeantwortet bleiben.

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