Die großen Tsunami der Sanriku-Küste

Die großen Tsunami der Sanriku-Küste

Rezension vom: 19. Juli 2013 von // Zuletzt aktualisiert: 7. Januar 2024

Schon vor dem 11. März 2011 gab es mehrmals gewaltige Tsunami an Japans Ostküste. Doch je länger diese Tsunami zurückliegen, desto mehr gerieten sie in Vergessenheit. Ein Buch aus den 70er Jahren, das die Zerstörung der Tsunami an der Sanriku-Küste dokumentiert, wurde in Japan nun zum Bestseller.

Dass die Sanriku-Küste bereits 1896 ein Tsunami heimsuchte, der so gewaltig war, dass die damaligen Opferzahlen denen vom Tsunami vom 11. März 2011 in nichts nachstehen, ist kaum bekannt. Als Akira Yoshimura für seine Recherchen in den 1960er Jahren an die Sanriku-Küste reist, hat er aber das Glück, noch zwei Zeitzeugen zum Tsunami von 1896 befragen zu können. Yoshimura beginnt mit einer akribischen Recherche, sammelt Dokumente und rekonstruiert die großen Tsunami von 1896, 1933 und 1960. Das Resultat aus dieser Arbeit ist eine literarische Dokumentation, die wichtige Einzelheiten bis ins Detail beschreibt, ohne dabei zu langweilen, die sachlich bleibt und zugleich durch die ernste Thematik trotzdem fesselt.

Indem Yoshimura aufzeigt, was passiert ist, weist er auch einen Weg in die Zukunft. Das Fazit: Wer sein Buch liest merkt schnell, dass sich die Geschichte wiederholt, dass man jederzeit auf die zerstörerische Kraft des Wassers gefasst sein muss. Gerade vor den aktuellen Hintergründen wirkt die Aussage eines Zeitzeugen aus den 1960ern deshalb noch trauriger:

„Auch wenn die Zeiten sich ändern, so wird es doch die Tsunami immer geben, und sie werden mit Sicherheit wieder angreifen. Weil aber die Menschen heute auf verschiedenste Weise wachsam genug gestimmt sind, glaube ich, dass es kaum Tote geben wird.“ (S. 180)

Die großen Tsunami der Sanriku-Küste ist der Haupttitel des Buches, aber wer genau hinschaut, der entdeckt auch den Untertitel Dokumentarische Literatur von Yoshimura Akira (1927-2006). Und dieser Untertitel ist Programm: Es handelt sich eben nicht nur um eine Übersetzung, sondern mehr um ein Lesebuch rund um den Autor Akira Yoshimura mit einem Schwerpunkt auf seiner Dokumentation Die großen Tsunami der Sanriku-Küste. Folglich enthält das Buch keine komplette Übersetzung, sondern ausgewählte Passagen, die das Ausmaß der Tsunami von 1896, 1933 und 1960 beschreiben.

Es ist gut, dass der Herausgeber und Übersetzer Harald Meyer über die bloße Übersetzung hinausgeht und so Raum schafft, Yoshimuras Texte zusätzlich mit aktuellen Kommentaren und Artikeln zum Tsunami von 2011 anzureichern. Dass der eigentliche Text über die Tsunami, mit dem das Buch betitelt ist, dafür allerdings erst auf Seite 73 beginnt, wird einige Leser aber sicher auch enttäuschen.

Auch wenn dem Buch mit dem Versuch, nicht nur den Text wiederzugeben sondern auch Autor sowie Kontext zu erfassen ein wissenschaftlicher Stil anhaftet, sollte dies keinesfalls abschrecken, denn die großen Tsunami der Sanriku-Küste ist keinesfalls in kompliziertem Fachjargon geschrieben. Erstaunlicherweise wird es sogar sehr persönlich, wenn Meyer von seinen persönlichen Begegnungen mit Yoshimura und dessen Frau berichtet. Und so bietet Meyer nicht nur einen Zugang zu einem bis dahin in Deutschland wohl vollkommen unbekannten Thema, sondern auch noch einen interessanten und erfrischend greifbaren Einstieg in das Werk eines in Deutschland wohl auch eher unbekannten Autors.

Von Yoshimura Akira sind bisher auf Deutsch erschienen: Unauslöschlich, Schiffbruch (beide aktuell leider vergriffen).

Fazit
Dieses Buch dokumentiert die Zerstörungswut der Tsunami, aber es dokumentiert zugleich auch Arbeit und Leben des Schriftstellers Akira Yoshimura.

Weitere Bücher von Harald Meyer (Hrsg.)

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