„Der Sommer ist in Japan Hochsaison für unheimliche Geschichten.“ Mit diesem Satz beginnt eine kurze Vorbemerkung zum Roman, die seinen Kern treffend erfasst. Leider ist die deutsche Vermarktung des Buches jedoch so missverständlich, dass sich auf verschiedenen Portalen viele Leser enttäuscht über einen Roman äußern, der eigentlich ein ganz besonderer Lesegenuss sein könnte.
Auch äußerlich hinterlässt das Buch keinen besonders gelungenen Eindruck. Das wenig originelle Cover mit mehreren Schreintoren wirkt austauschbar. Gemeinsam mit der etwas altbackenen Typografie erinnert es eher an einen Krimi oder Thriller aus den 2000er Jahren. Insgesamt macht das Buch dadurch den Eindruck eines eher beliebigen Titels, der das Verlagsprogramm auffüllen soll. Mit einem ansprechenderen Cover wäre hier deutlich mehr möglich gewesen.
Auch die Kategorisierung als „Thriller“ trifft nicht zu. Der Schrein ist weder ein Thriller noch eine klassische Horrorgeschichte, sondern steht vielmehr in der Tradition japanischer Geister- und Schauergeschichten.
In Japan fällt der Hochsommer mit dem Obon-Fest zusammen, einem buddhistisch geprägten Ahnenfest, bei dem die Seelen der Verstorbenen ihre Familien besuchen. Diese Zeit gilt traditionell als eine Phase, in der die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Toten durchlässiger erscheint. Vor diesem kulturellen Hintergrund überrascht es nicht, dass gerade der Sommer in Japan als Hochsaison für unheimliche Geschichten gilt.
Immer wieder werden Geschichten über unerklärliche Ereignisse und mysteriöse Vorfälle erzählt, die sich rational kaum erklären lassen. Ein solches Buch habe ich bereits hier vorgestellt.
Der Schrein lässt sich ebenfalls in diese Tradition einordnen: Die Schriftstellerin Minami schreibt selbst Horrorgeschichten, steckt jedoch in einer kreativen Krise. Da kommt es ihr gerade recht, dass sich eine alte Freundin bei ihr meldet. Asako berichtet, wie sich, nachdem sie gemeinsam mit einigen Kollegen eine verlassene Ruine besucht hat, unheimliche Ereignisse bei allen Beteiligten häufen.
Obwohl Minami die Ruine nie selbst besucht, sondern sich lediglich die Berichte von Asako und ihren Freunden anhört, wird sie nach und nach in etwas hineingezogen, das sie selbst nicht begreifen kann. „Ich lasse mich nicht einspinnen“, nimmt sie sich vor. Doch schon allein die Fotos der alten Ruine, die ihr Asako und ihre Kollegen zeigen, scheinen eine morbide Faszination auf sie auszuüben.
Was Nanami Kamin sehr subtil zwischen den Zeilen beschreibt, ist eine latent bedrohliche Stimmung, die aus dem Zusammenspiel alter Traditionen, des Shintō-Glaubens und des Wirkens von Naturgeistern entsteht. Zu keiner Zeit geschieht etwas wirklich Schlimmes, und doch wird die unterschwellige Bedrohung greifbar.
Wer in den Genuss einer unheimlichen japanischen Sommergeschichte kommen möchte, ist bei diesem Roman genau richtig. Man sollte jedoch die Erwartungen, die man an einen Thriller oder Horrorroman stellt, zunächst beiseitelassen und den Roman stattdessen als Vertreter eines eigenständigen Genres lesen.






















