Der kluge Regenbaum

Der kluge Regenbaum

Rezension vom: 7. August 2011 von // Zuletzt aktualisiert: 18. April 2026

Unter dem Titel der Der kluge Regenbaum sind in diesem Band vier Erzählungen Kenzaburō Ōes aus verschiedenen Jahren und zu verschiedenen Themen zusammengefasst, die einen Querschnitt durch die Erzählwelt des japanischen Nobelpreisträgers bieten.

In Der kluge Regenbaum scheint es anfangs um die Nacherzählung einer scheinbar belanglosen Party, kombiniert mit Diskussionen über intellektuelle Themen, zu gehen, doch bald ändert sich die Stimmung, als die Gäste eine Frau entdecken, die mit Blut beschmiert ist.

Agui, das Himmelungeheuer ist eine Alternativgeschichte zu dem Roman Eine persönliche Erfahrung, den Kenzaburō Ōe als Reaktion auf die Geburt seines geistig behinderten Sohnes verfasste. Während der Sohn im Roman überlebt, wird er in der Alternativgeschichte vom Vater ermordet. Den besonderen Reiz hat diese Geschichte daher vor allem für Leser, die den Roman bereits kennen.

Besonders beeindruckend ist die längste Erzählung, Der Sündenbock, in der verschiedene Motive aus dem Werk von Kenzaburō Ōe miteinander verschmelzen: Das Motiv eines abgelegenen, armen Dorfes und eines darin lebenden Jugendlichen, der ein Außenseiter in der Dorfgemeinschaft ist, wird kombiniert mit dem Schauplatz Mexiko, wo Kenzaburō Ōe sich 1976 selbst aufhielt und das in Verwandte des Lebens noch einmal einen wichtige Rolle spielen wird.

Die Erzählungen dieses Bandes sind anspruchsvolle, aber nicht im Wortsinn schöne Literatur. Immer wieder verkehrt sich die Situation in eine bedrohliche Lage wie in Der kluge Regenbaum, immer wieder sind Menschen Außenseiter oder auf der Flucht wie in Der Sündenbock. Auch unschöne Dinge beschreibt Kenzaburō Ōe mit einem Realismus, der nichts verstecken, aber auch nichts dramatisieren will.

Es ist oft vom „Murakami-Universum“ die Rede, dabei passt die Vorstellung eines „Erzähluniversums“ noch viel besser auf Kenzaburō Ōe. Der Erzählband bietet zwar einen Einblick in Ōes Erzählvielfalt, seinen besonderen Reiz bekommt er aber durch die Bezüge, die intertextuell hergestellt werden. Wer diese entschlüsseln will, muss sich in sein Werk einarbeiten.

Inhalt
Fazit
Die Erzählungen ziehen ihre Kraft aus einer gewissen Verstörung, die zunächst nur unterbewusst mitschwingt, sich dann aber plötzlich und erschreckend Bahn bricht.

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