Verwandte des Lebens

Verwandte des Lebens

人生の親戚
Rezension vom: 10. August 2011 von // Zuletzt aktualisiert: 9. März 2026

Wie kann ein geistig behindertes Kind Selbstmord begehen? Und wie kann eine Mutter damit leben? Marie Kurakis Lebensgeschichte ist von zahlreichen Schicksalsschlägen geprägt – und trotzdem beweist sie Lebensmut.

Immer wieder verknüpfen sich bei Kenzaburo Ōe Realität und Fiktion. Aus der Sicht des „K.“, der genau wie Kenzaburo Ōe einen behinderten Sohn namens Hikari hat, wird die Geschichte von Marie Kuraki erzählt, die eine Freundin der Familie ist. Von Anfang an besteht also eine Distanz zwischen Erzähler und dem eigentlichen Erzählgegenstand – Maries schwerem Leben.

Marie hat zwei Söhne. Einer ist geistig behindert, der andere sitzt nach einem Unfall im Rollstuhl. Eines Tages verschwinden die Jungen und begehen an den Meeresklippen gemeinsam Selbstmord. Maries Beziehung zerbricht, sie findet keine Ruhe mehr und geht schließlich nach Mexiko.

Zwar kommt Marie auch in Briefen selbst zu Wort, den Hauptteil nehmen jedoch die Reflexionen und Erlebnisse von K. ein, wie etwa ein gemeinsamer Konzertbesuch mit seinem und Maries behindertem Sohn. Die entscheidenden Stellen, bei denen K. nicht anwesend ist, werden jedoch ebenfalls authentisch und eindringlich wiedergegeben: Der Tod der Jungen wird in einem Brief beschrieben, Maries Tod schließlich durch die Nacherzählung eines Films. So schafft K. auch über große Distanz eine Verbindung.

Weil K. so viele Parallelen zu Ōe aufweist, wirkt der Roman wie eine private Dokumentation von Ōes Leben. Durch seine scheinbar authentische, an der Realität orientierte Erzählweise erweckt er den Eindruck, den Leser in seine persönlichen Gedanken, ja sogar in die Privatheit seiner Familie einzubeziehen.

Durch Marie Kurakis behinderte Söhne wird auch das Schicksal von Ōes eigenem Sohn in einer Variante aufgegriffen. Doch keiner der Romane, in denen Hikari vorkommt, ist so traurig, ernst und hoffnungslos wie Verwandte des Lebens. Schonungslos, jedoch frei von Ressentiments, werden darin Themen rund um Behinderung diskutiert: Bekommt man ein behindertes Kind, weil man Schuld auf sich geladen hat? Welchen Stellenwert haben diese Kinder in unserer Gesellschaft? Und welche Rolle würde – wenn es einen Gott gäbe – Gott in diesem Zusammenhang spielen?

Fazit
Manchmal tut es weh, sich mit unangenehmen Dingen auseinanderzusetzen. Dafür gibt das Buch in seiner Ernsthaftigkeit und Traurigkeit auch Kraft, schwere Situationen durchzustehen.

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