1Q84 Band 3

1Q84

btb , 576 Seiten, ISBN:978-3-442-74363-6

Originalausgabe: Shinchôsha 2010
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.

1Q84 Band 3

Mit diesem Band findet die Trilogie um Tengo und Aomame, die unbeabsichtigt in die Parallelwelt 1Q84 gelangen, ihren Abschluss. Auch der dritte Band hält einige Überraschungen bereit – und ein Ende, das durchaus ambivalent zu bewerten ist.

Nachdem Aomame in Band 2, der übrigens in Deutschland zusammen mit Band 1 in einem Band veröffentlicht wurde, einen besonderen Mordauftrag ausgeführt hat, hält sie sich nun in einer Wohnung versteckt und wartet. Auch Tengo wartet am Bett seines Vaters, der im Koma liegt. Und ein dritter Protagonist tritt auf den Plan. Der windige Ushikawa lauert, ganz in der Nähe von Tengo, darauf, dass er ihn auf Aomames Spur bringt.

So dynamisch, wie die Handlung in Band 2 aufhörte, geht es in Band 3 also zunächst nicht weiter. Erst langsam, wie bei einer Dampflok, setzt sie sich wieder in Bewegung und kommt zum Schluss richtig in Fahrt. Für den Leser fast unmerklich knüpft Murakami die Maschen des Handlungsnetzes immer enger, treibt Aomame, Tengo und Ushikawa auf einen Punkt zusammen. Bis dahin ist aber viel Geduld angebracht, denn genau wie im ersten und zweiten Band gibt es wieder viele redundante Stellen.

Mit Ushikawa tritt zwar nun eine dritte Figur auf und wird gleichzeitig ein dritter Handlungsstrang fest etabliert, gerade die anfänglichen Recherchen von ihm gehören aber zu den redundanten Stellen, da Ushikawa hier Aomames und Tengos Geschichte neu aufrollt.

Trotz dieser Schwachstellen übt das Buch beim Lesen einen Sog aus, der den Leser langsam immer tiefer in die Geschichte hineinzieht. Murakami schafft es, auch ruhige Momente spannend zu erzählen. In die Haupthandlung baut er außerdem immer wieder kleine, magische Rätsel ein, deren Lösung dem Leser überlassen bleiben: Was ist tatsächlich mit Tengos Mutter geschehen? Wer ist der bedrohlich wirkende Mann, der sich als Gebührenkassierer von NHk ausgibt?

Murakami-typisch bleiben noch viele weitere Fragen offen: Welches Angebot wollten die Vorreiter Aomame machen? Ist Fukaeri nun eine Mother oder eine Daughter? Gibt es die Little People nur in der Welt 1Q84? Dies ist typisch für Murakamis Werk, denn gemäß auch der realen Welt, in der es nicht immer eine Antwort auf alles gibt, bietet Murakami nicht für jedes Phänomen eine Erklärung.

Und trotzdem hinterlässt das Ende einen schalen Nachgeschmack. Die Tür zur gefährlichen, aber auch faszinierenden Parallelwelt 1Q84, klappt plötzlich und unvermittelt zu, so wie man ein Buch zuschlägt. Die Lösung, die sich für Tengo und Aomame bietet, ist zwar für beide sehr erfreulich, aber schließlich doch ein bisschen zu einfach dafür, dass sich Aomame gerade noch in einer scheinbar unlösbaren Situation befunden hat. Aomame und Tengo stellen sich dem Problem nicht, sondern begehen im wahrsten Sinne des Wortes eine Weltflucht.

Auch wenn die Trilogie abgeschlossen ist, hat sie durchaus noch Ausbaupotenzial. Wie die Mainichi Daily News berichtete, schließt Murakami nicht aus, dass es, sollte es sich ergeben, irgendwann noch einmal einen vierten Teil geben wird.

Verfasst am 4. November 2011 von

1Q84 Band 3
btb 2011, 576 Seiten, 12,99 € ISBN: 978-3-442-74363-6
Originalausgabe: Shinchôsha 2010
Fazit
Gemessen mit anderen belletristischen Titeln gehört 1Q84 zu den hervorstechendsten und beeindruckendsten Publikationen des Jahres.

Kommentare

  1. Ich sehe das ganz anders als du!

    Band 1&2 waren ohne jeden Zweifel gut und majestätisch geschrieben, aber dennoch war der Einstieg für mich unheimlich schwer (vielleicht lag es auch daran, dass es mein erster Murakami war). Und auch als ich in der Geschichte drin war, konnte ich mich nicht richtig fallen lassen und die Lektüre hat sich doch ziemlich hingezogen.

    Aber bei Band 3 dagegen war es ganz anders, denn hier war ich nach der ersten Seite sofort wieder in der Geschichte drin und sie ließ mich nicht los. In einem Schwung habe ich das Buch gelesen, konnte einfach nicht die Finger davon lassen.

    Für mich will Murakami mit den drei Bänden die Grenzen zwischen Realität und Traum aufzeigen, vielleicht auch die Grenzen der Erkenntnis, der ganz persönlichen Erkenntnis. Und das schafft er bei mir nur mit dem dritten Teil.

    Denn im dritten Teil wird es bei Aomame ganz deutlich; generell sind die Aomame-Kapitel in Band 3 meiner Meinung nach phänomenal eindringlich geschrieben, sie haben sich richtig in mein Gedachtnis gebrannt.

    Murakami hat mit dem dritten Band geschafft, was er mit den ersten beiden Bänden nicht einmal annähernd geschafft hat: die Realität verschwimmen zu lassen.

    Phänomenal dieser Schriftsteller.

  2. Lieber Philipp,

    also kann ich aus deiner Rezension wahrscheinlich schließen, dass du demnächst noch andere Bücher von Murakami lesen wirst? Ich bin gespannt, welche Bücher es noch mit 1Q84 für dich werden aufnehmen können!

  3. Hallo Friederike.

    Ja, ich werde auf jeden Fall noch weitere Bücher von Murakami lesen. Habe mir kürzlich „Naokos Lächeln“ gekauft und bin schon sehr gespannt.

    Liebe Grüße
    Philipp

  4. Liebe Friederike,

    endlich, endlich habe ich deine Rezension gelesen, weil auch ich nun meine Gedanken zum Buch sortiert und zusammengefasst habe.

    Interessant sind ja immer wieder die verschiedenen Empfindungen der LeserInnen. Mal ähnelt man sich und mal nicht. So ging es mir in keiner Minute zu langsam vorran und selbst das Ende hat mir gefallen, wenngleich es aus dem typischen murakamischen Rahmen fällt. Es ist sehr offen und klar. Dafür bleibt es an vielen anderen Stellen verworren und rätselhaft.

    Es freut mich natürlich sehr, dass dich Buch 3 trotz allem ebenfalls fesseln konnte. Ich sag nur: Hoho! : )

    In diesem Sinne lasse ich dir glückliche Grüße hier,

    die andere Murakami-Leserin.

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