Atomkraft und japanische Atombombenliteratur
Japan ist bis heute das einzige Land, in dem im Krieg Atombomben gegen Menschen eingesetzt wurden. Durch die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 kamen innerhalb weniger Sekunden Zehntausende Menschen ums Leben. Die Bilder der weitgehend zerstörten Städte sind bis heute präsent. Die Folgen der Abwürfe beschränkten sich jedoch nicht auf die unmittelbare Zerstörung. Viele Überlebende erlebten die Auswirkungen der Bomben unmittelbar und litten noch lange unter den physischen und psychischen Folgen. Andere starben erst später an den Folgen der Strahlenbelastung und ihren Verletzungen.
Die Erfahrungen und Erlebnisse der Betroffenen wurden in Gedichten, Erzählungen, autobiografischen Texten und sogar Comics festgehalten und verarbeitet. In Japan werden diese Werke unter dem Begriff „Atombombenliteratur“ (原爆文学, Genbaku Bungaku) als eigenes literarisches Genre zusammengefasst. Auf dieser Seite findest du einen Überblick über die auf Deutsch – und, soweit keine deutsche Übersetzung vorliegt, ersatzweise auf Englisch – verfügbare Literatur zu diesem einschneidenden Ereignis der japanischen Geschichte.
Hiroshima Nagasaki Autoren Sachbücher KinderbücherDer Atombombenabwurf auf Hiroshima (広島)
Mehr als 80 Jahre sind vergangen, seit am 6. August 1945 in Hiroshima erstmals in der Geschichte eine Atombombe gegen Menschen eingesetzt wurde. Zeitzeugen beschreiben den Morgen als wolkenlosen Beginn eines heißen Sommertages. Als die von den Amerikanern „Little Boy“ genannte Bombe um 8:15 Uhr über der Stadt abgeworfen wurde, waren viele Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Zahlreiche von ihnen kamen durch die enorme Hitze unmittelbar ums Leben. Berichten zufolge blieben von manchen nur Schatten an Mauern zurück – sofern diese überhaupt noch standen. Schätzungen zufolge starben unmittelbar nach dem Abwurf etwa 70.000 Menschen; bis zum Jahresende stieg die Zahl der Todesopfer auf rund 140.000. Die Erlebnisse der Überlebenden am 6. August und in der Zeit danach werden in den oben verlinkten Büchern eindrücklich geschildert.
Der Atombombenabwurf auf Nagasaki (長崎)
Auch wenn der Atombombenabwurf auf Nagasaki am 9. August 1945 ähnlich verheerende Folgen hatte wie der auf Hiroshima, steht Nagasaki häufig weniger im öffentlichen Bewusstsein. Dabei war Nagasaki ursprünglich lediglich das Ausweichziel der amerikanischen Streitkräfte: Wegen der dichten Bewölkung über Kokura wurde das eigentliche Angriffsziel aufgegeben und stattdessen kurzfristig Nagasaki angeflogen. Auch die Augenzeugenberichte aus Nagasaki ähneln denen aus Hiroshima. Viele Überlebende schildern einen grellen Lichtblitz im Moment der Explosion sowie die gespenstische Stimmung in der zerstörten Stadt unmittelbar danach. Über die Ereignisse in Nagasaki berichten auch die oben verlinkten Bücher.
Sachbücher
Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki gehören bis heute zu kontrovers diskutierten Ereignissen des Zweiten Weltkriegs. Im Mittelpunkt der Debatte steht insbesondere die Frage, ob der Einsatz der Atombomben militärisch notwendig war, um die Kapitulation Japans zu erzwingen. Während diese Frage bereits im Zusammenhang mit Hiroshima unterschiedlich beantwortet wird, wird der Abwurf auf Nagasaki, der nur drei Tage später erfolgte, von vielen Historikern besonders kontrovers bewertet. Mit diesen und weiteren historischen Fragen befassen sich zahlreiche Sachbücher. Eine Auswahl aktueller Titel findest du hier.
Bücher für Kinder und Jugendliche
Autoren der Atombombenliteratur
Nur ein Bruchteil der in Japan veröffentlichten Atombombenliteratur wurde ins Deutsche oder Englische übersetzt. Die folgende Übersicht konzentriert sich daher auf Autoren und Autorinnen, deren Werke in Deutschland bekannt sind oder bereits auf Deutsch beziehungsweise Englisch vorliegen. Der Vollständigkeit halber sollen jedoch zumindest einige der von Kazutoshi Hamazaki in einem Aufsatz aus dem Jahr 2003 genannten Autoren und Autorinnen aufgeführt werden: Yoko Ōta, Tamiki Hara, Hiroyoshi Nagaoka, Sadako Kurihara und Sankichi Tōge für Hiroshima sowie Ineko Sata und Sumako Fukuda für Nagasaki.
Takashi Nagai (永井 隆, 1908–1951) war gläubiger Katholik und arbeitete zum Zeitpunkt des Atombombenabwurfs als Radiologe in einer Klinik in Nagasaki. Obwohl er seine Frau nur noch tot aus den Trümmern bergen konnte, arbeitete er wochenlang unermüdlich weiter, um Verletzten und Kranken zu helfen. Als Folge der hohen Strahlenbelastung verschlimmerte sich seine Leukämie und er starb bereits 1951. Sein bekanntestes Werk ist Die Glocken von Nagasaki, das derzeit nur auf Englisch erhältlich ist. Darüber hinaus sind die Biografie Ein Lied für Nagasaki über sein Leben sowie Unter dem Atompilz, eine Sammlung von Aufsätzen von Kindern, in denen sie ihre Erlebnisse während des Atombombenabwurfs schildern, erhältlich.
Masuji Ibuses Roman Schwarzer Regen (derzeit nur auf Englisch unter dem Titel Black Rain erhältlich) erschien 1966. Zwar wurde der Autor in der Nähe von Hiroshima geboren, den Atombombenabwurf erlebte er jedoch nicht selbst. Den Stoff für seinen Roman, für den er mit dem Kulturorden ausgezeichnet wurde und den Noma-Preis erhielt, gewann er aus Tagebüchern und Augenzeugenberichten von Überlebenden. Er zählt daher nicht unmittelbar zu den Autoren der sogenannten ersten Generation, die den Atombombenabwurf selbst erlebt haben.
Kenzaburō Ōe (1935–2023) erhielt 1994 den Nobelpreis für Literatur, weshalb zahlreiche seiner Werke ins Deutsche übersetzt wurden. Die Hiroshima Notes (Hiroshima Nōto) sind derzeit jedoch weder auf Deutsch noch auf Englisch erhältlich. In dieser 1965 in Japan veröffentlichten Essaysammlung setzt sich Ōe auf Grundlage seiner Besuche in Hiroshima in den Jahren 1963 und 1964 mit den Folgen der Atombombenabwürfe auseinander. Ōe selbst erlebte das Kriegsende in einer ländlichen Region fernab von Hiroshima und Nagasaki. Seine eigenen Kriegs- und Nachkriegserfahrungen verarbeitete er unter anderem in den Romanen Der Tag, an dem er selbst mir die Tränen abgewischt und Und plötzlich stumm literarisch auseinander.
Kyōko Hayashi (林 京子, 1930–2017) wurde in Nagasaki geboren, wuchs jedoch in Shanghai auf. Erst 1945 kehrte sie nach Nagasaki zurück, wo sie zum Zeitpunkt des Atombombenabwurfs in einer Fabrik nur 1,4 Kilometer vom Epizentrum entfernt arbeitete. Auch Kyōko Hayashi hatte mit den Spätfolgen zu kämpfen – nicht nur mit gesundheitlichen Folgen, sondern auch mit den gesellschaftlichen Auswirkungen ihres Status als Hibakusha (被爆者), wie die Überlebenden der Atombombenabwürfe in Japan bezeichnet werden. Das derzeit einzige auf Deutsch erhältliche Buch, Verstrahltes Leben, vermittelt einen besonderen Blick auf die Folgen der Atombombenabwürfe: Anders als viele unmittelbare Augenzeugenberichte schildern die erstmals 1999 und 2000 veröffentlichten Erzählungen das Leben einer Hibakusha rund 50 Jahre nach den Ereignissen.
„Neue“ Atombombenliteratur?
Mit den Atombombenabwürfen wurde zunächst die zerstörerische Seite der Kernenergie sichtbar. Umso bemerkenswerter ist es, dass Japan trotz dieser Geschichte über Jahrzehnte hinweg an der zivilen Nutzung der Kernenergie festgehalten hat.
Durch den Reaktorunfall im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi im Jahr 2011, bei dem infolge eines Erdbebens und des darauffolgenden Tsunamis in mehreren Reaktoren Kernschmelzen auftraten, gewann die Diskussion über die zivile Nutzung der Kernenergie erneut an Bedeutung. In der Literaturwissenschaft wird daher vereinzelt die Frage gestellt, ob sich literarische Werke über die Erfahrungen von Fukushima in einem weiteren Sinne als Fortführung oder Neubestimmung der Atombombenliteratur verstehen lassen.




















