Manchmal fühlt sich Mio wie eine Schildkröte. In solchen Momenten greift sie nach ihrem roten Wollschal, den ihre verstorbene Großmutter einst von Hand für sie gewebt hat. Mio wickelt sich fest in den Schal ein, verkriecht sich in ihrem Bett und versucht zu vergessen, dass sie in der Schule gemobbt wird.
Doch irgendwann wird Mios Mutter das Verhalten ihrer Tochter zu viel: Beim Aufräumen lässt sie den Schal kurzerhand verschwinden.
Mio sieht keinen anderen Ausweg, als sich nach Morioka zu flüchten. Dort betreibt ihr Großvater die Wollmanufaktur Yamazaki, in der einst auch Mios Schal gefertigt wurde. Mio beschließt, bei ihrem Großvater zu bleiben und das traditionelle Wollhandwerk zu erlernen.
Während Mio in Morioka zwischen Natur, ruhiger handwerklicher Arbeit und zugewandten Familienmitgliedern einen regelrechten Heilungsprozess durchläuft, bricht bei ihren Eltern in der Stadt durch das Verschwinden der Tochter ein lange schwelender Ehekonflikt offen aus. Während Mios Vater gegenüber seiner Tochter eher nachgiebig und passiv wirkt, tritt die Mutter fordernd auf und erhöht den Druck auf Mio zusätzlich. Die Unfähigkeit der beiden, als Einheit zu handeln, führt schließlich zu einem vorübergehenden Bruch in ihrer Beziehung.
Heimkehr nach Morioka bietet mit seiner Doppelperspektive auf Mio und ihre Eltern einen interessanten Einblick in eine Problematik, die in Healing Novels sonst meist nur aus einer einzigen Perspektive betrachtet wird. Dort sind es meist eher jüngere Frauen und Männer, die ihren Platz finden müssen, während außen vor bleibt, dass auch die Eltern ihren Weg finden müssen, mit ihren Kindern und deren Problemen umzugehen.
„Wenn man in die Enge getrieben wird, verschmälert sich auch der Blick. Nur die eigene Familie und das enge Umfeld können dann eine helfende Hand reichen und einen sicheren Ort bieten.“
Yuki Ibuki, Heimkehr nach Morioka, E-Book-Ausgabe
Die beruhigende Botschaft des Romans ist jedenfalls, das Probleme nicht alleine, sondern gemeinsam gelöst werden. Und dass es dazu viel Ruhe und Zeit erfordert.



















