Geschichte für einen Augenblick

S. Fischer, , 560 Seiten, ISBN:  978-3-10-055220-4

Bisher gibt es wohl kaum Schriftsteller außerhalb Japans, die den Tsunami und die Atomkatastrophe von 2011 in einem Roman verarbeitet haben. Die Halbjapanerin Ruth Ozeki geht nun diesen Weg und kreiert die Biografie eines japanischen Mädchens, dessen Verbleib nach dem Tsunami ungeklärt ist.

„Hallo! Ich heiße Nao, und ich bin Sein-Zeit, ich bin Sein, und ich bin Zeit. Weißt du, was das ist? Wenn du einen Moment hast, erzähl ich es dir.“ (3)

Als nach dem Tsunami die ersten Trümmer auch an Kanadas Westküste angespült werden, erhält die Erzählerin Ruth – die genau wie die Autorin Ruth Ozeki Halbjapanerin ist – das Tagebuch der jungen Japanerin Nao. Naos Tagebuch lädt Ruth zum Stöbern ein, denn es ist darauf ausgelegt, gelesen zu werden:

Das ist das Gegenteil eines Blogs. Das ist ein Antiblog, weil es nur für eine bestimmte Person gedacht ist, und diese Person bist du. (40)

Nao hat viel Spannendes zu erzählen: Nachdem ihr Vater als ehemals erfolgreicher Software-Entwickler in Silicon-Valley gekündigt wird, muss ihre Familie zurück nach Japan ziehen. Die amerikanisierte Nao ist dort eine Außenseiterin und wird gemobbt – dies geht sogar so weit, dass ihre Mitschüler eine Vergewaltigung
planen, die sie anschließend ins Internet stellen wollen. Zugleich ist Naos Vater durch seine Arbeitslosigkeit selbstmordgefährdet – leider misslingen seine Selbstmordversuche aber.

In dieser schwierigen Situation, die Nao trotz ihrer Ernsthaftigkeit mit viel Zynismus doch sehr unterhaltsam beschreibt, taucht Naos Urgroßmutter, Jiko, auf. Jiko ist Nonne in einem Tempel in Miyagi und in ihrer Abgeklärtheit ein Ruhepol für Nao.

„Wir wissen nicht sicher, wie alt sie ist, und sie behauptet, sich ebenfalls nicht zu erinnern. Wenn man sie fragt, sagt sie:

‚Ich lebe schon seit langer Zeit, oder?‘
[…]

Dann fragt man sie, wann sie Geburtstag hat, und sie sagt:

‚Hm, ich kann mich nicht erinnern, geboren worden zu sein…‘

Und wenn man sie noch weiter bearbeitet und fragt, wie lange sie schon lebt, sagt sie:

‚Ich bin schon immer hier, soweit ich mich erinnern kann.‘

Na toll, Oma!“

Naos Geschichte, die Ruth nur durch das Tagebuch vermittelt erlebt, ist durch Naos Probleme durchweg spannend. Fast bekommt man den Eindruck, als würden hier alle Probleme, die es im Japan der Gegenwart gibt, durchgespielt: Mobbing in Schulen, Selbstmord, Arbeitslosigkeit und Prostitution von Schulmädchen. Daneben werden auch noch andere typische Bilder von Japan bedient: ein Kamikazeflieger aus dem Zweiten Weltkrieg wird für Nao noch eine wichtige Rolle spielen.

Um dem ganzen einen authentischeren Anstrich zu geben, streut die Autorin immer wieder japanische Wörter und Sätze ein. Versteht man etwas Japanisch, ist das vielleicht ganz nett, warum aber bestimmte Begriffe oder Floskeln in Japanisch auftauchen und andere nicht, wird nicht ersichtlich. Wer sich allerdings für Japan interessiert, bisher mit dem Land aber kaum Berührungspunkte hatte, der erhält nettes kleines Repertoire an Wörtern.

Die Autorin Ruth Ozeki versucht, die Geschichte Naos, die in Japan im Jahr 2001 spielt, mit der Erdbebenkatastrophe von 2011 zu verknüpfen. Der Schlüssel liegt bei Naos Urgroßmutter Jiko, denn ihr Tempel steht in Miyagi, dort wo der Tsunami große Zerstörungen angerichtet hat. Noch während die Erzählerin Ruth Naos Tagebuch liest, beginnt sie deshalb nach dem Schicksal des Mädchens zu recherchieren – und findet eine heiße Spur.

Verfasst am 28. März 2014 von

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Geschichte für einen Augenblick
S. Fischer 2014, 560 Seiten, 19,99 € ISBN: 978-3-10-055220-4
Fazit
Ozekis ganz eigene, humorvolle Erzählweise und die kunstvolle Verknüpfung unterschiedlicher Erzählebenen machen den Roman zu einer der wohl interessantesten Neuerscheinungen mit Japanbezug in diesem Frühjahr.

Kommentare

  1. Ozeki ist „ordiniert“ im Soto-Zenbuddhismus und spielt mit ihren Zitaten auch auf die Lehre Dôgen Zenjis an, vor allem das Kapitel Uji (Sein-Zeit) aus dem Shôbôgenzô. Ihr Verständnis davon ist möglicherweise etwas oberflächlich oder doch zu sehr dem Versuch anheimgefallen, Dôgen einer allgemeinen Leserschaft schmackhaft zu machen, nachdem sich neuerdings wieder einige Philosophen für ihn interessieren. Das Ganze bekommt dann etwas Geschmäcklerisches („Ich bin schon immer hier“), wie man es – wenn auch triefiger – bei Paulo Coelho findet.

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