Frühlingsgarten

春の庭

be.bra Verlag , 208 Seiten, ISBN: 208 Seiten

Originalausgabe: Bungei Shunju 2014
Aus dem Japanischen von Daniela Tan

Im Japanischen gibt es das Märchen von Urashima Tarô, einem jungen Mann, der einen wundervollen Palast tief im Ozean besucht. Auch in Frühlingsgarten von Tomoka Shibasaki träumt sich ein Tarô weit weg in eine eigene Welt – Gegenstand seiner Begierde ist allerdings ein blaues Haus.

Tarô ist passiv und relativ antriebslos. Schon mit Anfang dreißig steht er vor den Scherben seiner Ehe, geht einer unbedeutenden Arbeit nach und wohnt in einem Appartmenthaus, das bald abgerissen werden soll.

Doch Tarô kümmert sich nicht um seine Zukunft. Er versinkt in Tagträumen und wird durch seine Nachbarin schließlich auf ein blaues Haus hinter einer Mauer direkt im Nachbargarten aufmerksam. Die ursprünglichen Bewohner sind längst ausgezogen, aber es existiert ein Bildband, über den Tarô und Nishimura sich den Haus langsam annähern, bis es zur Obsession wird.

Die Perspektive der Erzählung ist ungewöhnlich und nicht immer gleich zu entschlüsseln. Abgesehen von Tarôs Tagträumerei, die fließend ist zur Realität und deshalb nicht immer ganz von der Wirklichkeit abgegrenzt werden kann, wechselt auch die Erzählperspektive gegen Ende hin ohne Vorankündigung. So durchlebt Tarô einen großen Teil des Besuches im Frühlingsgarten nur über die Erzählung seiner Nachbarin Nishi. Auch Tarôs Schwester taucht zum Ende hin auf und beobachtet Tarô in seinem Refugium im inzwischen fast komplett leerstehenden Appartmenthaus, kommt ihm in seiner Traumwelt aber nicht zu Hilfe.

Tarô steht für den zurückgezogenen, alleinstehenden, aber nicht einsamen Single, der in den Tag hineinlebt, ohne irgendwo oder irgendwem aufzufallen. Anders als bei anderen Romanen, die den Fokus auf Vereinsamung im Großstadtleben setzen, steht Tarôs Leben in seinem abrissreifen Appartment aber vielmehr für Leben und Zyklus der Großstadt Tokyo, die sich ständig erneuert, in der aber auch inmitten der Erneuerung immer noch Dinge und Plätze überdauern, die aus der Zeit gefallen zu sein scheinen. Ein richtiges Ende gibt es für Tarô schließlich nicht, stattdessen verschwimmen Realität und Wirklichkeit noch weiter.

Verfasst am 26. September 2018 von

Tags: ,

Frühlingsgarten
be.bra Verlag 2018, 208 Seiten, ISBN: 978-3-86124-921-4
Originalausgabe: Bungei Shunju 2014
Fazit
Es ist erstaunlich, wie unscheinbar, ja fast banal Frühlingsgarten zunächst wirkt, wieviel Kraft die Geschichte nach dem Lesen aber dann doch entfaltet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Neue Artikel im Blog

Zufällig ausgewählt: In Büchern stöbern

ランダムに選択しました

Verdächtige Geliebte
Genki
Das Fest des Abraxas
Wogen
Das Gesicht des Anderen
Mit Staunen und Zittern

Die neuesten Rezensionen

Inspektor Takeda und das doppelte Spiel
Inspektor Takeda und das doppelte Spiel 15. August 2019
Automatic Eve
Automatic Eve 13. August 2019
Literarischer Streifzug durch Kanazawa
Literarischer Streifzug durch Kanazawa 9. August 2019
Das Lager in der Wüste
Das Lager in der Wüste 4. August 2019
Tokutomi Roka: Der Einsiedler von Kasuya
Tokutomi Roka: Der Einsiedler von Kasuya 3. August 2019
Die Fußspur Buddhas
Die Fußspur Buddhas 31. Juli 2019
Literatur direkt aus Japan Literatur direkt aus Japan

Hier erfährst du mehr über Bücher, die es bisher nur in Japan gibt.

Bücher kaufen Wo kann ich japanische Bücher kaufen?

Ein kleiner Guide für Einsteiger

Zeitstrahl Zeitleiste

Suche dir Bücher aus nach der Zeit, in der sie spielen.

Neuerscheinungen Neuerscheinungen

Alle Neuerscheinungen für im Überblick.