Das Haus der roten Töchter

Das Haus der roten Töchter



Originalausgabe:
赤朽葉家の伝説 Tōkyō Sōgensha 2006

Aus dem Englischen von Marie Rahn:
Heyne
496 Seiten
ISBN: 9783453422971

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Eigentlich war Das Haus der roten Töchter ein Titel, auf den sich Liebhaber japanischen Literatur in 2019 freuen konnten: Endlich mal wieder eine Familiensaga! Die Bewertungen auf diversen Buch-Plattformen sind bisher aber außergewöhnlich negativ. Ist der Roman wirklich so schlecht oder hat die Werbung für das Buch einfach nur etwas versprochen, was es nicht einhalten konnte?

„Das leuchtend rote Anwesen, das einst an der Spitze von Benimidori stand, hatte im Laufe der Jahre unbemerkt die Moderne absorbiert und wirkte nun wie ein ganz normales Haus in den Bergen.“

Die Geschichte der Familie Akakuchiba, die sich über drei Generationen von 1953 bis in die Gegenwart erstreckt, spielt in der auch heute noch ländlichen Präfektur Tottori. Während im Nachkriegsjapan die Wirtschaft boomt und der Wohlstand wächst, kommen die Entwicklungen hier nur mit etwas Verzögerung an, sodass man beim Lesen zu Beginn fast das Gefühl, man befände sich irgendwann im 19. Jahrhundert.

Wildromantisch wirkt das kleine Städtchen, in dem die Bewohner noch ihre alten Traditionen pflegen. Erfrischend ist nicht nur die ländliche Ortswahl für das Geschehen des Romans, sondern auch, wie Kazuki Sakubara den Ort beschreibt: Zwischen Meer und Berg stufenförmig angelegt leben die Bewohner auf mehreren Terassen, die auch ihren Status widerspiegeln.

Dominiert wird das kleine, fiktive Städtchen Benimidori, in dem die Bewohner leben, hauptsächlich vom eisenproduzierenden Gewerbe und dem Schiffsbau. Die zwei reichsten Familien haben diese Gewerbe unter sich aufgeteilt: Die Familie Akakuchiba ist eine altehrwürdige Familie, die in einem roten Haus ganz oben über den Terassen wohnt. Die Familie Kurobishi dagegen, bei der alles in schwarz und gold gehalten ist, zählt zu den neureichen Kriegsgewinnlern und wohnt ganz unten am Hafen, wo sie eine Werft betreibt.

Lange ist mir eine Ortsbeschreibung nicht mehr so im Gedächtnis hängengeblieben wie die von Benimidori. Und auch die Familiengeschichte ist etwas ganz Besonderes: In einem Stil, der ein wenig an magisch-realistischen Geschichten aus den Bergdörfern in Kenzaburo Ôes Romanen wie beispielsweise Grüner Baum in Flammen erinnert, erzählt Sakuraba die Geschichte der hellsichtigen Manyo. Von ihren Eltern mit drei Jahren ausgesetzt, wird Manyo von einer ärmlichen, aber herzlichen Familie in Benimidori aufgenommen. Manyos Kindheit ist bestimmt von Zukunftsvisionen vom Tod anderer, die sie aber meist für sich behält.

Nur in die eigene Zukunft kann Manyo nicht schauen und so ist sie überrascht, als sich die Familie Akakuchiba für das ausgesetzte Mädchen zu interessieren beginnt und sie schließlich in die Familie einheiraten soll. Damit beginnt die Familiensaga, die von Unglücken innerhalb der Familie und von Veränderungen im ganzen Land geprägt ist:

„Der rote Himmel oben blieb, wie er immer gewesen war, doch unten in Benimidori veränderte die Welle der Moderne das Leben und die Kultur der Menschen, ob es ihnen gefiel oder nicht.“

Das Haus der roten Töchter ist wirklich ganz anders, als man es vom Cover annehmen könnte, das eine durchschnittlichen, historischen Roman mit viel Gefühl verspricht. Zwar geht es bei den Akakuchibas auch um das Schicksal dreier Frauen, es geht hier auch ums Heiraten und Kinderkriegen. Die üblichen eher seichten Gedanken, die sich Charaktere in durchschnittlichen historischen Romanen machen, und große Liebesgeschichten gibt es nicht. Sakuraba erzählt unaufgeregt und meist eher aus einer Außenperspektive. Es wird selten verraten, was die Figuren denken. Wer diesen eher japanischen Erzählstil nicht gewöhnt ist und einen westlichen Unterhaltungsroman erwartet – den das Cover meiner Ansicht nach klar verspricht – wird enttäuscht sein.

Leider ist das Cover nicht der einzige Fehler, der bei diesem Roman gemacht wurde. Ich habe zwar zugunsten der spannenden Geschichte darüber hinweggelesen, aber die Sprache ist teilweise doch sehr hölzern und die Wortwahl fühlt sich unnatürlich, irgendwie eigenartig an. Höchstwahrscheinlich erklärt sich dies damit, dass der Roman nur eine Zweitübersetzung aus dem Englischen ist.

Es ist schade, dass heute aus Kostengründen immer noch solche Wege gegangen werden. So entstehen dann Formulierungen wie diese:

„Zwar war er ein Schreibaby gewesen, weinte aber seit Beginn der Mittelschule nicht mehr vor anderen; vermutlich nur noch allein im stillen Kämmerlein, ohne jemandem davon zu erzählen.“

Crybaby wird hier auf Kind angewendet, obwohl man sicher besser Heulsuse verwenden könnte. Während man sich hier aber noch streiten könnte, ob der Fehler nicht eher in der Übersetzung vom Englischen zum Deutschen liegt, gibt es noch größere Patzer. Manyo wird so beispielsweise von „Ausländern“ ausgesetzt. Vermutlich aber ist das japanische Wort im Original einfach gaijin, was erstmal nur einen Menschen, der nicht zu einer bestimmten Gruppe gehört, beschreibt. All dies sind Kleinigkeiten, die aber zeigen, wie schluderig man leider mit dem Roman umgegangen ist. Weiter geht es auch gleich beim Klappentext:

„Mit ihrem langen schwarzen Haar und ihren großen Augen fällt sie [Manyo, Anm.] in der kleinen Dorfgemeinschaft auf. Jahre später nimmt der Sohn der angesehensten und reichsten Familie sie zur Frau. Doch warum erwählt er ausgerechnet die arme Manyo? Dieses Geheimnis wird Manyos Enkelin Toko erst Jahrzehnte später lüften.“

Das Geheimnis, von dem hier die Rede ist, wird nicht gelüftet, da es kein Geheimnis gibt. Warum Manyo erwählt wurde, ist auch gar nicht mehr Thema des Romans.

Bei dieser auf allen Ebenen lieblosen bis sorglosen Umsetzung, die keinesfalls dem Inhalt und Genre des Titels gerecht wird, ist klar, warum Das Haus der roten Töchter so schlecht bewertet wird. Ich empfehle trotz allem, den Roman unbedingt azulesen, denn die Geschichte ist und bleibt einfach gut erzählt und das hat mich wirklich überrascht. Das Haus der roten Töchter zählt definitiv zu meinen Lieblingsbüchern für 2019.

Fazit

Die deutsche Ausgabe wurde lieblos und unachtsam umgesetzt, die Geschichte an sich ist aber wirklich gut.

Verfasst am 18. Juli 2019 von

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