Dr. Shimamura ist Nervenarzt und damit im Japan des späten 19. Jahrhunderts ein Vorreiter seines Faches. Deshalb wird er mit einer anspruchsvollen Mission betraut: Er soll durchs Land reisen, um die vom Fuchsgeist besessenen Frauen zu heilen. Obwohl Shimamura eigentlich nicht an den Fuchsgeist glaubt, wird er schließlich selbst von ihm besessen.
Basierend auf der historisch tatsächlich existierenden Figur Shunichi Shimamuras erzählt Christine Wunnicke in Der Fuchs und Dr. Shimamura die Lebensgeschichte eines Arztes, der selbst sein bester Patient sein könnte. Dr. Shimamura ist von der westlichen Medizin angetan und auch sonst sehr pragmatisch. Die Besessenheit vom Fuchsgeist muss – das steht für ihn fest – ein Synonym für eine andere Krankheit sein.
Der Glaube an Fuchsgeister aber ist in der japanischen Mythologie stark ausgeprägt: Insbesondere Füchsinnen treten hier als Zauberinnen und Verführerinnen auf, die Männer vom rechten Weg abbringen. Frauen mit auffälligem Verhalten gelten daher häufig als vom Fuchsgeist besessen. Dr. Shimamura macht sich auf die Reise und kann zunächst einige Behandlungserfolge vorweisen: Er diagnostiziert Epilepsie, Hysterie und Simulation – bis er auf die schöne Kiyo trifft und mit seinem medizinischen Latein am Ende ist.
Die Psychologie und die psychologischen Behandlungsmethoden stecken zu Dr. Shimamuras Zeiten noch in den Kinderschuhen, sodass es weder eindeutige Verfahren zur Austreibung des „Fuchsgeistes“ noch Klarheit darüber gibt, welches Krankheitsbild tatsächlich dahintersteckt. Das Wirken des Nervenarztes, der zudem selbst nicht immer ganz stabil ist, erhält dadurch eine gewisse Komik:
„Shimamura ekelte sich nicht leicht. Er war schließlich Arzt. Gerade gestern hatte er lange besinnlich an den Hautläsionen eines Leprakranken gekratzt, nur um sich über die ewigen Fuchsweiber hinwegzutrösten.“
Christine Wunnicke: Der Fuchs und Dr. Shimamura, Seite 21
In all der Verwirrung, die die Fuchsgeister im Leben des ursprünglich so aufgeräumten Dr. Shimamura stiften, bleibt der Mediziner dennoch stets pragmatisch – etwa wenn er das Urteil fällt, das therapeutische Gespräch sei keine geeignete Behandlungsmethode für Japaner, da es zu lange dauere und mit der japanischen Höflichkeit nicht vereinbar sei.
Passend zur verschrobenen Figur des Dr. Shimamura ist auch die Sprache des Romans herrlich verschroben: Die Sätze sind voller medizinischer Fachbegriffe und mitunter etwas umständlich. Die Sprache schafft Distanz und vermittelt dadurch beinahe den Eindruck, als sei Der Fuchs und Dr. Shimamura tatsächlich in einem anderen Jahrhundert verfasst worden.
Interessante Links
- Wikipedia: Kitsunetsuki – Fuchsbesessenheit
- Sammlung von Fuchsmythen




















