Der Dieb

Der Dieb



Originalausgabe:
掏摸 Kawada Shobo Shinsha 2009

Diogenes
224 Seiten
ISBN: 978-3257069457

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Einsamkeit, das abgrundtief Böse, Hoffnungslosigkeit. Fuminori Nakamuras Romane sind düster und spannend. Mit Der Dieb veröffentlich Diogenes nun erstmals auch ein Buch von Nakamura auf Deutsch – und wählt dabei leider einen eher unspektakulären Titel aus.

Der einsame Taschendieb

Für einen Taschendieb ist Tôkyô ein Paradies. In keiner Stadt gibt es so viele Pendler, in keiner Stadt sonst stehen diese in solcher Zahl dicht gedrängt, dass der namenlose Protagonist nur seine Hand ausstrecken muss, um an die Portemonnaies zu gelangen. Manchmal findet er sogar Portemonnaies in seiner Jacke, an die er sich gar nicht mehr erinnern kann.

Aber der namenlose Taschendieb ist eigentlich nur ein kleiner Fisch. Er sucht sich nur wohlhabend scheinende Männer aus dem Menschenstrom heraus. Er nimmt nur das Geld und lässt die Portemonnaies den Opfern wieder zukommen. Er nimmt sich nur das, was er braucht. Warum er das alles macht, welche Ziele und Freuden er sonst im Leben hat, das wird nicht deutlich.

Das Böse übernimmt die Regie

Und so wäre dieser Roman wohl sterbenslangweilig, wenn Nakamura nicht die für ihn typische Karte ziehen würde: Das Böse in Form des Yakuzas Kizaki tritt auf und nimmt den Taschendieb für seine Belange in Beschlag. Der Taschendieb, der vorher so frei und anonym gelebt hat, kann sich dem Bösen nicht mehr entziehen und führt für Kizaki nun Diebstähle aus, die mit seinen harmlosen Tricks beim Portomonnaie-Diebstahl nicht mehr viel zu tun haben.

Die düstere, ausweglose Stimmung zieht sich durch alle Romane Nakamuras, die bisher auf Englisch veröffentlicht wurden. Für alle, die bisher noch nichts von ihm gelesen haben, ist Der Dieb sicher faszinierend geschrieben: Nakamura nutzt eine knappe Wortwahl, lässt den Dieb geschickte Tricks ausführen und baut langsam eine bedrohliche, unheilvolle Atmosphäre auf. Wer allerdings schon Bücher wie Evil and the Mask gelesen hat, weiß, dass Nakamura dies noch kunstvoller kann, dass die Bedrohung in Der Dieb nur zum Warmwerden ist. Und so lässt sich hoffen, dass Nakamura mit seinem Deutschland-Debut so gut ankommt, dass noch weitere Romane von ihm übersetzt werden.

Fazit

Ein moderner japanischer Meisterdieb, einsam im anonymen Tokyo. Brillant erzählt!

Verfasst am 26. September 2015 von

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Kommentare

  1. Das klingt vielversprechend. Ich hatte das Buch kürzlich schon im digitalen Warenkorb, aber ich weiß einfach nicht, ob ich als Unkundiger der japanischen Sprache lieber zur englischen oder zur deutschen Übersetzung greifen soll.

    Die anderen Bücher von Nakamura kenne ich noch nicht, vielleicht sollte ich mit einem früheren Werk beginnen?

    Danke jedenfalls für die Buchbesprechung und LG.

    1. Wenn du dich mit beiden Sprachen wohlfühlst, dann würde ich dir natürlich die englischen Ausgaben empfehlen – aber beim Dieb spricht nichts dagegen, das Buch auf Deutsch zu lesen.

  2. Liebe Friederike,

    auf der Suche nach Infos über japanische Literatur bin ich auf Deinen tollen Blog gestoßen und stöbere gerade darin und bin ganz begeistert. Ich habe auch schon Deinen Twitter-Feed abonniert. 🙂

    Eine Sache, naja, stört mich jedoch ein wenig bei dieser Rezension zu Nakamuras „Der Dieb“ (wie auch einigen anderen, die ich mir hier bisher angesehen habe): Es fehlt leider ein Hinweis darauf, wer das Buch ins Deutsche übersetzt hat. Ich mag einer Minderheit angehören, aber finde es sehr wichtig, zu wissen, wer einem fremdsprachigen Autor seine deutsche Stimme leiht. Immerhin steckt nicht nur im Original, sondern auch in seiner Übersetzung eine Menge Arbeit, schließlich soll ein Werk nicht nur sinngemäß übersetzt werden, sondern auch sprachlich rund sein. Daran hat ja nicht zuletzt der Autor ein großes Interesse, denn er will ja auch im Ausland gekauft und gelesen werden.

    Daher halte ich den (oder die) Übersetzer(in) für elementar für die Qualität eines Buches. Ein guter Übersetzer muss gleichfalls ein guter Autor sein und mit Sprache umgehen können. Ein schlechter oder nachlässiger Übersetzer kann ein hervorragendes Original zerstören. Umgekehrt kann ein guter Übersetzer aus einem mittelmäßigen Original noch eine gute Übersetzung herausholen. Aus diesem Grund finde ich, dass die Arbeit, die gute Übersetzer leisten, auch entsprechend gewürdigt werden sollte.

    Ich bin außerdem überzeugt, dass der Erfolg so manch eines Buches auf dem deutschen Buchmarkt maßgeblich auf seiner hervorragenden Übersetzung beruht. Wie wäre es wohl um den Ruf Haruki Murakamis in Deutschland ohne Ursula Gräfe bestellt…? 😉

    Im Falle von „Der Dieb“ habe ich kürzlich ein schönes und aufschlussreiches Interview mit dem Übersetzer Thomas Eggenberg gelesen (und finde es gerade leider nicht mehr wieder in den Tiefen des Internets), der auch Banana Yoshimoto ins Deutsche übersetzt hat und im Jahr 2011 für seine Übersetzung von Yoshimotos „Federkleid“ mit dem Übersetzerpreis der „Japan Foundation“ ausgezeichnet wurde.

    So, genug des Genörgels und der Besserwisserei. Vielen Dank jedenfalls für Deinen Blog und die Arbeit, die Du hier hineinsteckst. Hier werde ich auf jeden Fall öfter vorbeischauen.

    Viele Grüße
    Stefan

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