Tokio im Jahr null

Tokio im Jahr null


Verfasst am: 10. Februar 2011 von // Zuletzt aktualisiert: 1. März 2026

Es ist kaum zu glauben, dass es in einer fast vollkommen zerstörten Stadt, zu einer Zeit, in der reihenweise Menschen an Hunger und Krankheiten sterben, Ermittler gibt, die Mordfälle aufklären. Doch Inspektor Minami ist in diesem Chaos einem Serienmörder auf der Spur – und kämpft dabei mit seiner eigenen dunklen Vergangenheit.

Tokio ist zerstört. Die Menschen hungern und fahren zu Hamsterkäufen aufs Land. Viele Frauen prostituieren sich für eine warme Mahlzeit. Doch dieses äußerliche Chaos ist nichts gegen die wirren Gedanken, die in Inspektor Minamis Kopf toben und ihm die Ermittlungen erschweren.

Minami selbst ist vom Krieg schwer traumatisiert. Die Frauenleichen wühlen dieses Trauma wieder auf. Seine Erlebnisse aus Kriegstagen vermischen sich mit der Realität, seine Identität scheint zu verschwimmen – er wird vom Ermittler zum Täter.

Tokio im Jahr null ist kein gewöhnlicher Thriller. Inspektor Minami ist genauso Jäger wie selbst Gejagter. Seine Psychosen spiegeln sich im Text wider: Dieser ist nicht einfach zu lesen, denn immer wieder reihen sich Sätze stakkatohaft wie Maschinengewehrsalven aneinander, drehen sich im Kreis, endlos, immer wieder – dieselben Phrasen, dieselben Lieder, dieselben Lautmalereien.

Der Hauptakzent des Buches liegt also gar nicht unbedingt auf der Ermittlung an sich, sondern vielmehr auf Minamis psychischem Inneren und seinen Leiden durch den Krieg. Minami ist kein Held, sondern ein gebrochener Mann. Er ist kein souveräner Ermittler und gerade deshalb ist der Roman eine spannende Abwechslung zu anderen Titeln seines Genres.

Ein kleines Sahnehäubchen zum Schluss, was die Gestaltung des Romans angeht: Gleich zu Beginn fällt der seltsam klein gedruckte, nur schwer lesbare Text auf der ersten Seite auf. Diese durch ihr Schriftbild abgesetzten Passagen finden sich immer wieder im gesamten Buch. Wenn man sie zusammenfügt, ergeben sie das, was Inspektor Minamis Geschichte vollkommen außen vor lässt: die belastenden Kriegserlebnisse.

Fazit
In seiner gesamten Komposition ist Tokio im Jahr null ein ungewöhnlicher, innovativer Kriminalroman, der nicht umsonst mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde.

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