In Deutschland wurde Ichiro Kishimi mit seinem Bestseller Du musst nicht von allen gemocht werden bekannt. Du darfst loslassen, was dir nicht guttut klingt zunächst wie ein Trennungsratgeber. Tatsächlich aber ist es ein Plädoyer für gleichwertige und gleichberechtigte Beziehungen in allen gesellschaftlichen Bereichen.
Kishimis Ausführungen liegt ein positives Menschenbild zugrunde: Der Mensch zieht Glück und Lebensfreude aus zwischenmenschlichen Beziehungen:
„Menschen zu begegnen, die anders empfinden und denken als man selbst, bereichert das Leben. Zu erkennen, wie jemand denkt und fühlt, auch wenn man ihn nicht völlig begreift, verleiht dem Dasein mehr Tiefe.“
Ichiro Kishimi, Du darfst loslassen, was dir nicht guttut, E-Book-Ausgabe
Beziehungen zwischen Menschen sind aber nur dann erfüllt, wenn sie nicht in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen. Kishimi beleuchtet verschiedene Beziehungen, bei denen er eine solche Abhängigkeit als besonders problematisch ansieht: Eltern-Kind-Beziehungen, Lehrer-Schüler-Beziehungen sowie die Beziehung zwischen Patient und Arzt beziehungsweise Therapeut.
In Ansätzen beschreibt er, wie eine „wahrhaftige Verbindung“ aufgebaut werden kann. So ist für das Verhältnis zwischen Patient und Therapeut beispielsweise entscheidend, dass der Therapeut Deutungsvorschläge anbietet, sie dem Patienten jedoch nicht zuschreibt. Nur der Patient kann für sich selbst entscheiden, was auf ihn zutrifft. Anderenfalls gibt der Patient die Verantwortung für sein Handeln ab und begibt sich in eine Abhängigkeit.
Die Ausführungen sind in kleine Kapitel unterteilt, die man gut häppchenweise lesen kann. Zugleich kann stellenweise der Eindruck entstehen, dass dem Buch ein roter Faden fehlt. Dies ergibt sich vor allem daraus, dass Kishimis Gedanken vor allem beschreibender Natur sind. Statt praktischer Handlungsanweisungen, die man sich von einem Buch mit diesem Titel erwarten würde, sind die Ausführungen eher universeller Natur, was auch die zahlreichen Hinweise auf die Theorien von Alfred Adler und Erich Fromm zeigen. Kishimi hält keine vorgefertigten Antworten parat, sondern präsentiert im Wesentlichen Ausführungen, die als Impuls dienen können, sich mit dem Thema persönlich eingehender zu beschäftigen.
Der Buchtitel erzeugt so im Ergebnis zwei Missverständnisse hinsichtlich des Inhalts: Das Buch beinhaltet weder eine konkrete Anleitung, wie man Beziehungen, die einem nicht guttun beendet, noch dreht es sich alleine um solche Beziehungen. Vielmehr liegt der Fokus darauf, wie man gute Beziehungen aufbauen und eingehen kann, nicht, wie man sie beendet.





















