Yukito Ayatsuji gilt in Japan als einer der wichtigsten Vertreter des Mystery-Genres Shin-Honkaku. Diese „Detektivromane im neuen Stil“, wie sich das Genre frei übersetzen lässt, begründete er mit Die Morde im Dekagon-Haus. Mit Die Toten in der Wassermühle erscheint nun ein weiterer Titel, der erneut eine absolute Leseempfehlung darstellt.
Die Honkaku- bzw. Shin-Honkaku-Romane drehen sich jeweils um einen Kriminalfall, der nach den Regeln klassischer Detektivromane gelöst werden soll. Nach dem Vorbild von Autoren wie Agatha Christie geht es darum, die Lösung des Falls durch logisches Kombinieren zu finden. Alle notwendigen Hinweise sind im Buch versteckt – die Leserinnen und Leser müssen sie lediglich erkennen und richtig zusammensetzen.
Die Honkaku-Romane enthalten deshalb meist nicht nur reinen Text, sondern auch Skizzen von Schauplätzen, Zeitpläne und weitere Beweismittel, die in die Handlung einbezogen werden. Auch bei diesem Roman ist dies der Fall: Ein Personenverzeichnis sowie ein Grundriss der Wassermühle befinden sich bereits am Anfang des Buches.
Bei der Wassermühle handelt es sich um einen ungewöhnlichen und geradezu skurrilen Ort: Ähnlich einer Burg thront sie inmitten einer bewaldeten Gebirgslandschaft. Die Mühlräder ächzen und knarren wie aus vergangenen Zeiten. Dabei ist die Wassermühle keineswegs ein historisches Gebäude, sondern ein Neubau, den der nach einem Autounfall entstellte Fujinuma Kiichi für sich errichten ließ.
Seitdem lebt er gemeinsam mit einer Haushälterin und einer Ziehtochter in dem skurrilen und zugleich leicht unheimlichen Anwesen, sitzt im Rollstuhl und trägt eine weiße Maske.
Für diejenigen, die dem Haushalt einen Besuch abstatten, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Dabei beschränken sich diese Besuche eigentlich auf lediglich einen Tag im Jahr: Dann übernachtet eine Gruppe Kunstinteressierter für eine Nacht in der Wassermühle, um die Kunstwerke von Fujinuma Kiichis verstorbenem Bruder Fujinuma Issei zu betrachten.
Während des Besuchs im Jahr 1985 tobt ein Sturm und schneidet das Haus von der Außenwelt ab. In diesem Locked-Room-Szenario geschehen gleich mehrere schreckliche Dinge. Unter anderem wird ein Gemälde gestohlen und ein Mann ermordet, zerstückelt und im Ofen verbrannt.
Aufgeklärt werden die Verbrechen jedoch zunächst nicht. Erst ein Jahr später, als erneut eine Gruppe Kunstinteressierter zu Besuch kommt, beginnt die eigentliche Aufklärung.
Auch wenn die Geschichte in ihrer Grundanlage und ihrem gesamten Setting vielleicht etwas überzogen wirken mag, macht gerade diese skurrile Atmosphäre den besonderen Charme des Romans aus.
Wie bereits bei Die Morde im Dekagon-Haus, in dem ein zehneckiges Haus eine zentrale Rolle spielt, sind auch die Orte, die Ayatsuji erschafft, vor allem dafür konzipiert, ein spannendes Rätsel zu ermöglichen, und weniger dafür, durch Realismus zu überzeugen. Genau darin liegt der besondere Reiz dieses Romans. Ich würde ihn daher auch denjenigen empfehlen, die bisher noch kein Buch dieses Genres gelesen haben und sich erstmals an einen Shin-Honkaku-Krimi heranwagen möchten.























