Alle 80 Minuten verliert der ehemalige Mathematikprofessor seine Erinnerungen. Auch wenn sein Kurzzeitgedächtnis nach einem Autounfall beschädigt wurde, sein Kopf funktioniert ansonsten einwandfrei und so lehrt er seine neue Haushälterin eifrig die Schönheit der Zahlen.
Die Haushälterin und zugleich Erzählerin, die wie alle Figuren im Roman namenlos bleibt, ist schon die zehnte Haushaltshilfe beim Professor. Sie ist aber zugleich diejenige, die es am längsten mit ihm aushält, denn sie beginnt den schrulligen alten Mann, der sich hinter seiner Welt der Zahlen versteckt und seine Kleidung überall mit kleinen Erinnerungszettelchen versieht, in ihr Herz zu schließen.
Zwischendurch ist das Verhältnis der beiden harmonisch und durch die Erzählerin, die den Professor immer besser kennenlernt, entsteht der Eindruck, die Bindung zwischen den beiden würde sich vertiefen. Doch immer wieder erlebt sie verletzende Rückschläge, muss nach 80 Minuten ganz von vorne beginnen.
Ogawa spielt mit diesem Buch nicht nur ein interessantes Gedankenspiel durch, das die zwischenmenschlichen Beziehungen infrage stellt, sondern sie widmet sich dieses Mal thematisch einem Fach, das von Schriftstellern nicht oft angegangen wird: Der Mathematik. Erklärungen zu besonderen Zahlen und Rechnungen werden immer wieder in den Roman eingeflochten. Mit der Zeit steigert sich der Schwierigkeitsgrad, die Gedankengänge sind aber mit Oberstufenmathematik einfach nachzuvollziehen.
Mathematik wird hier ästhetisiert, zu einer rätselhaften Sache, wird genauso geheimnisvoll wie die Finger, Ohren und vielen kleinen, eigentlich unbedeutenden Gegenstände, die Ogawa in ihren Romanen oft mit so viel Liebe zum Detail beschreibt. Und eines hat die Mathematik mit diesen Gegenständen auch gemeinsam:
Besonders ist dieses Buch also nicht nur wegen seiner ruhigen Erzählweise und den fein geschilderten zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern es spricht dieses Mal zusätzlich einen ganz neuen Leserkreis an. Wer selber einen Mathematiker oder Physiker kennt, der so engagiert ist wie der Professor, wird sicher viele Parallelen zwischen den beiden feststellen und oft schmunzeln müssen. Und wer selber eine Vorliebe für diese beiden Fächer hat, für den ist das Buch ein absoluter Geheimtipp.
Fazit
Ogawa macht Mathematik und Zahlen zum Thema der Literatur und zeigt, dass auch den Zahlen ein Zauber innewohnt.Verfasst am 20. Februar 2012 von Friederike Krempin
Dieser Artikel wurde zuletzt aktualisiert am 23. August 2019