Sendbo-o-te

Sendbo-o-te



Originalausgabe:
献灯使 Kôdansha 2018

Aus dem Japanischen von Peter Pörtner:
konkursbuch
200 Seiten
ISBN: 9783887696887

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Kaum ein Thema bekommt momentan mehr Aufmerksamkeit als die Klimaerwärmung. Damit einher gehen Schreckensszenarien über die Zukunft des Planeten und unserer Lebensweise. Yoko Tawadas Dystopie Sendbo-o-te trifft genau diesen Nerv, ist aber zugleich eine spannende, außergewöhnlich unaufgeregte Vision eines Zukunftsszenarios, in dem die Umweltschäden das Leben der Menschen auf der Erde massiv Einschänken.

Zunächst muss vorweg erwähnt werden, dass es zwei Möglichkeiten gibt, Tawadas Buch zu lesen: Entweder, man liest zuerst den Klappentext oder Rezensionen. Dann wird aber schon sehr viel des Inhalts vorweggenommen. Spannender ist es, Sendbo-o-te ohne jegliche Informationen zum Buchinhalt direkt zu lesen: Nicht von Anfang an ist klar, in welchem Verhältnis die Protagonisten zueinander stehen und was ihnen und der Welt tatsächlich fehlt. Erst so langsam deutet sich vage an, dass die scheinbar so friedliche Welt alles andere als in Ordnung ist. Wie Yoko Tawara schafft, so unaufgeregt und scheinbar alltäglich von einer Welt, die eigentlich zerstört ist, zu erzählen, macht den Reiz ihrer Erzählung aus aus.

Das Buch ist insgesamt leider nur sehr kurz und so lässt sich der Inhalt schnell zusammenfassen: Japan ist abgeschottet von der Welt und durch nicht näher erläuterte Umstände größtenteils verseucht, sodass sich die Menschen größtenteils drinnen aufhalten. Viel dramatischer ist aber, dass sich die Altersstruktur umkehrt: Die Alten werden immer älter und können nicht sterben, während ihre Kinder krank und gebrechlich sind. So kümmert sich der 115-jährige Yoshiko um seinen kranken Urenkel Mumey. Erzählt wird dessen Familiengeschichte, aber auch, wie Mumey, der so krank ist, dass er bald an Rollstuhl und Maschingen gefesselt sein wird, als Sendbote ins Ausland geschickt werden soll, um mit anderen Nationen in Kontakt zu treten und für sich selbst medizinische Hilfe zu suchen.

Yoshiro geht mit dieser scheinbar ausweglosen Situation oberflächlich gesehen gelassen um. Er kauft gutes Brot beim deutschen Bäcker – Yoko Tawada lässt natürlich auch hier wie in anderen Büchern durch ihre besondere Verbindung zu Deutschland auch Anspielungen darauf einfließen. Er geht täglich mit einem Hund spazieren, den er sich ausleiht. Er macht die Hausarbeit und sorgt sich um alles, was Mumey das Leben erleichtert. Doch unter der Oberfläche brodelt es:

„Warum tat er das alles? – Weil er sonst ohne Unterlass geweint hätte.–“

Gewöhnlich für Yoko Tawada, aber ungewöhnlich für alle, die zum ersten Mal ein Buch von ihr lesen, ist ihr Spiel mit Sprache. So bedeutet die Abschottung Japans auch, dass Fremdwörter komplett aus der Sprache verbannt werden. Zugleich ist Sprache aber etwas, das die Nationen, die alle nur noch gegeneinander arbeiten, sich gegenseitig zu verkaufen suchen. Auch in Sendbo-o-te bleibt es damit nicht bei der Thematisierung von Sprache, sondern Worte selbst werden analysiert:

Panerinnert einen daran, dass es fremde Länder gibt. Ich esse zwar lieber Reis. Aber in pan, da steckt ein Traum. Ich hoffe, auch in Zukunft noch –.“

Auch gibt es immer ein paar Wortspiele, die nicht unbedingt verständlich sind, wenn man sich nicht näher mit deutscher und japanischer Sprache auskennt oder einen sprachwissenschaftlichen Hintergrund hat:

„Heute ist Dienstag, der Tag des Feuers! Da werde ich im Naturkundeunterricht ein Experiment machen und mich an einem Streichholz verbrennen. Morgen ist Mittwoch, der Tag des Wassers! Da werde ich im geheizten Schwimmbad vielleicht ertrinken.“

Dies macht ihre Bücher nicht immer ganz eingängig für ein größeres Lesepublikum, mit Sendbo-o-te ist das Thema dieses Mal aber so global und spannend, dass sich hier auch Neulinge an Yoko Tawada wagen können, die sich für sprachliche Raffinessen eher weniger interessieren.

Yoko Tawadas ruhiger, verträumter Schreibstil ist am ehesten mit Yoko Ogawa oder Hiromi Kawakami zu vergleichen. Während die Menschen in Yoko Ogawas Romanen schon lange in ihrer eigenen Welt leben, in der für globale Umweltprobleme kein Platz ist, hat Hiromi Kawakami in einer Kurzgeschichte ähnlich wie Tawada das Szenario einer kontaminierten Umgebung gezeichnet. Kawakamis Kurzgeschichte wurde direkt im Anschluss an den Super-GAU in Fukushima 2011 veröffentlicht, während in Tawadas Erzählung nicht ganz klar wird, was zur Zerstörung der Umwelt geführt hat und ob Fukushima in diesem Universum existiert. Beiden gemeinsam ist aber die Erfahrung, dass eine der schlimmsten anzunehmenden Katastrophen für die Umwelt bereits eingetreten ist – und auch die Erfahrung, wie man damit leben kann. Vielleicht erklärt dies die ungewöhnliche, unaufgeregte Perspektive.

Am Ende ist es nicht die leidende Generation Mumeys, die pessimistisch ist, sondern die Alten, die am meisten leiden. Ein Grashalm ist mehr wert als aller Reichtum, doch diesen Reichtum kann man erst in dem Moment erfassen, in dem der letzte Grashalm unwiederbringlich kontaminiert ist.

Hintergundinformationen zum Titel

Der zunächst typografisch etwas schwer zu entziffernde Titel Sendbo-o-te entspricht laut konkursbuch Verlag dem Sprachspiel des japanischen Originaltitels 献灯使 (kentôshi). Zum Einen bedeutet dieser Sendbote, also die Rolle, für die Mumey schließlich ausgewählt wird, um als eine Art Vermittler für Japan und Erlöser für sich selbst in die Welt geschickt zu werden. Zum Anderen bezeichnet kentôshi oder Sendboote auch eine Art von Gesandten-Schiffen, die im siebten Jahrhundert nach China geschickt wurden.

Fazit

Eine ruhige, aber trotzdem fesselnde Dystopie mit nur einem Kritikpunkt: Das Buch hätte gerne mindestens doppelt so dick sein und noch viel mehr von Mumeys geschichte erzählen können!

Verfasst am 19. Juli 2019 von

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