Bereits zum fünften Mal ermittelt Kosuke Kindaichi in deutscher Übersetzung. Für Leserinnen und Leser, die mit den bisherigen Romanen des japanischen Ermittlers vertraut sind, lässt sich die Einschätzung kurz halten: Auch Die Spatzenmorde von Onikobe bietet erneut einen klassischen Rätselkrimi mit all jenen Elementen, die die Reihe auszeichnen. Wer an den vorherigen Bänden Gefallen gefunden hat, wird auch mit diesem Roman eine stimmige Fortsetzung erleben.
Für alle, die die seit 2022 in Deutschland erscheinende Reihe bislang nicht kennen, lohnt ein kurzer Blick auf den Hintergrund: Der Autor Seishi Yokomizo (1902–1981) gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des japanischen „Honkaku“-Krimis. Dieses Subgenre steht für logisch aufgebaute Rätselkrimis in der Tradition etwa Agatha Christies, die meist nüchtern erzählt sind und sich konsequent auf einen Mordfall konzentrieren. Dem Publikum werden im Verlauf der Handlung alle relevanten Hinweise präsentiert, sodass ein Miträtseln theoretisch möglich ist. Am Ende steht eine rationale und detaillierte Auflösung.
Kosuke Kindaichi ist dabei der exzentrische, zugleich hochintelligente Ermittler, der als Außenseiter in eine geschlossene Gemeinschaft gerät und die verborgenen Konflikte freilegt, die schließlich zum Mord führen. Die Fälle der Reihe beginnen im Jahr 1937; mit Die Spatzenmorde von Onikobe ist man inzwischen im Jahr 1955 angekommen.
Gerade dieser zeitliche Rahmen trägt wesentlich zum Reiz der Romane bei.
Moderne Technik spielt kaum eine Rolle, das Leben in den Dörfern, in denen Kindaichi ermittelt, ist noch stark traditionell geprägt und tief verwurzelt in japanischer Geschichte, familiären Strukturen und sozialen Konventionen.
Zentrale Grundlage der Handlung in Onikobe bildet ein sogenanntes Temari-Lied, ein traditioneller, mündlich überlieferter Kinderreim. Doch so harmlos dieser Reim zunächst wirkt, so düster ist sein Inhalt: Esrerzählt von einem grausamen Lehnsherren, der junge Frauen ermordete, sobald er ihrer überdrüssig wurde.
Kindaichi wird von seinem Freund, Kommissar Isokawa, ursprünglich wegen eines Mordfalls aus dem Jahr 1932 nach Onikobe geschickt. Vor Ort wird er jedoch bald Zeuge neuer Verbrechen, deren Ablauf unheimliche Parallelen zu dem überlieferten Kinderreim aufweist.
Der Roman spielt im August zur Zeit des Obon-Festes, einer Periode, in der man in Japan traditionell davon ausgeht, dass die Seelen der Ahnen für einige Tage in die Welt der Lebenden zurückkehren. Diese mystische Atmosphäre wird kombiniert mit einer aus der Zeit gefallenen, leicht unheimlichen Dorflandschaft. Mit dem nahegelegenen Ryokan „Schildkrötenbad“, der seit dem Krieg brachliegenden Kelterei, dem angrenzenden „Menschenfressermoor“ sowie den rivalisierenden Familien des Dorfes entsteht eine Szenerie, die zugleich atmosphärisch dicht und ausgesprochen düster wirkt.
Der Einstieg in diese Szenerie erfordert allerdings etwas Geduld. Das Personenregister zu Beginn des Buches umfasst über 30 Figuren, geordnet nach den Familien des Dorfes. Selbst Leser mit Erfahrung im Umgang mit japanischen Namen können hier anfangs leicht den Überblick verlieren. Erst ab dem zweiten Drittel der Handlung wird die Struktur klarer, da sich die Handlung verdichtet und die Figuren deutlicher konturiert werden.
Die Spatzenmorde von Onikobe eignet sich daher nur bedingt als Einstieg in die Reihe. Zwar lassen sich die einzelnen Romane unabhängig voneinander lesen, für die Erstlektüre wäre jedoch ein weniger komplexer Band empfehlenswerter.
Insgesamt handelt es sich bei Die Spatzenmorde von Onikobe um einen spannenden Kriminalroman in einem traditionell-ländlichen japanischen Setting, dessen Vielschichtigkeit durch die große Zahl an Figuren stellenweise eine gewisse Komplexität mit sich bringt
Fazit
Ein atmosphärisch dichter Kriminalroman im traditionell-ländlichen Japan, dessen Spannung durch die große Zahl an Figuren mitunter etwas an Übersichtlichkeit einbüßtVerfasst am 12. Januar 2026 von Friederike Krempin




















