Um dem Alltagsleben zu entfliehen, braucht man nicht mehr als eine Schachtel: Man fügt mit dem Messer einen Sichtschlitz ein, stülpt sich die Schachtel über – und fertig ist die Verkleidung als Schachtelmann. Der Schachtelmann, der abseits jeglicher gesellschaftlicher Zwänge und Konventionen in seiner Schachtel lebt, erzählt in diesem Roman von seinem Leben als Außenseiter.
Anfangs wirkt die Geschichte, die der Schachtelmann erzählt, recht konsistent: Als ehemaliger Fotograf lebt er nun in einer Schachtel. Eines Tages richtet er sich vor einem Wohnhaus ein, woraufhin der Hausbesitzer mit einem Luftgewehr auf ihn schießt und ihn an der Schulter verletzt. Der Schachtelmann sucht daraufhin eine Arztpraxis auf, in der ihm die Arzthelferin anbietet, seine Schachtel für 50.000 Yen abzukaufen.
Dann gerät die Geschichte aus den Fugen. Der Schachtelmann befindet sich plötzlich an einer Fensterscheibe und beobachtet die Arzthelferin sowie den Arzt, der nun selbst eine Schachtel trägt. Die Arzthelferin zieht sich aus und posiert vor dem Arzt, der zum „Pseudoschachtelmann“ geworden ist.
Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist nicht mehr klar, was der Schachtelmann tatsächlich selbst erlebt hat, welche Szenen er sich nur ausgedacht hat und inwiefern Schachtelmann und Pseudoschachtelmann möglicherweise ein und dieselbe Figur sind. Abe zerstört die Kontinuität der Erzählung unvermittelt:
„Was stört, ist nicht, daß es keinen roten Faden gibt, sondern daß er sich zu glatt, zu beständig durch die Geschichte zieht. Die Wahrheit ist viel zerrissener und voller Sprünge, wie ein höchst unvollständiges Mosaik.“
Kobo Abe, der Schachtelmann, Eichborn 1993, Seite 141f.
Auch die Identität des Erzählers, von dem man bisher annehmen konnte, dass es sich um den Schachtelmann handelt, wird hinterfragt:
„Wer immer – wenn ich es nicht bin […] – diese Aufzeichnungen weiterschreibt, hat sie auf recht tölpelhafte Weise fortgesetzt.“
Kobo Abe, der Schachtelmann, Eichborn 1993, Seite 141
Es bleibt schließlich die Frage, wer der Schachtelmann überhaupt ist und in welchem Verhältnis er zum Pseudoschachtelmann steht. Für die eigenwillige Weltsicht des Schachtelmanns und das Verhalten des Pseudoschachtelmanns bietet der Roman eine interessante und durchaus schlüssige Erklärung, die an dieser Stelle aber nicht verraten werden soll. Schließlich bleibt auch diese Erklärung bis zum Schluss nur eine Hypothese, sodass Erlebtes und Imaginiertes sowie Innensicht und Außensicht nicht unterscheidbar sind.
Hinweis: Dieses Buch erschien auch auf Deutsch unter dem Titel Der Schachtelmann, ist aber aktuell nur noch antiquarisch erhältlich. Die bibliografischen Angaben beziehen sich deshalb auf die englischsprachige Ausgabe The Box Man.





















