Kokoro

Kokoro

こゝろ
Rezension vom: 21. Oktober 2016 von // Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2026

„Japans meistgelesener Roman“ – so wirbt Manesse für die endlich wieder verfügbare Neuauflage eines in Japan und für den Autor Sôseki Natsume selbst bedeutenden Romans. Doch wer noch nichts von Natsume gelesen hat, dem wird es vielleicht schwer fallen, sich einzulesen.

Einfach und recht belanglos scheint nämlich zunächst die Handlung: Ein junger Student und ein älterer Mann freunden sich miteinander an. Obwohl der Mann keinen Beruf ausübt und mit seiner Frau in den Tag hineinlebt – er hat genug finanzielle Reserven – nennt der junge Student ihn ehrfurchtsvoll Sensei (diese Bezeichnung wird in Japan gegenüber Lehrern oder älteren Personen, denen man Ihre Erfahrung und Autorität bezeugt, verwendet).

Rund ein Drittel des Romans umfasst also die Freundschaft der beiden. Erzählt aus der Perspektive des Studenten wird klar, dass der Sensei eine große Schuld mit sich trägt und diese ihn daran hindert, sich anderen Menschen zu öffnen. Ein weiteres Drittel erzählt schließlich, wie auch der junge Student eine schwere Schuld auf sich lädt. Erst im letzten Drittel schließlich wird die Situation aufgeklärt. Der Sensei schreibt einem Brief an den Studenten und erzählt ihm seine Lebensgeschichte. Während der Roman vorher fast zu ruhig war, wird es jetzt richtig spannend – Verrat, Geld, Liebe, Selbstmord – alles ist mit dabei.

Faszinierend an Kokoro ist, dass der Roman erst nach dem Lesen ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Schien der erste Teil – vor allem, wenn man westliche Literatur gewohnt ist – sehr handlungsarm und fast schon langweilig, so wird nachher deutlich, dass es auch dieses Teils bedurfte, um den Brief des Sensei am Schluss richtig wirken zu lassen.

Natsumes Roman ist ungewöhnlich komponiert, aber das macht seinen Reiz aus. Hinzu kommt eine leicht schwermütig Note, zeigt Natsume doch die Vereinsamung und Entfremdung gleich zweier Menschen.

„Wir Menschen heute, in einer Zeit der Freiheit, der Unabhängigkeit und individuellen Entfaltung, müssen für diese Güter eben den Preis dieser Einsamkeit entrichten.“ (S. 50)

Eine Lösung für dieses Problem gibt es nicht, es ist der Preis der Moderne. Eine These, die Natsume 1914 beschäftigt hat, aber heute noch immer aktuell ist. Wenn man sich auf diesen Roman einlässt, ist er ein großartiges, abwechslungsreiches Leseerlebnis!

Fazit
Ein Klassiker der japanischen Literatur und ein großartiges Leseerlebnis

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2002 The 210th Day 二百十日
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