Japan an jenem Tag

Iudicium , 283 Seiten, ISBN:978-3862051090

Japan an jenem Tag

Auch wenn der 11. März 2011 inzwischen schon weiter zurückliegt, für alle, die diesen Tag in Japan erlebt haben, bleiben Erdbeben, Tsunami und Atomunfall in Fukushima Daiichi wohl ein Erlebnis, das sich nur schwer vergessen lässt. Japan an jenem Tag sammelt in 23 Berichten nun die Erlebnisse, die Deutsche, Schweizer und Österreicher an diesem Tag in Japan gemacht haben.

Wenn man eine Katastrophe vor Ort erlebt, unterschätzt man die Gefahr meist. Außenstehende dagegen überschätzen die Gefahr. Diese Beobachtung des deutschen Botschafters Volker Stanzel, der die Krise im März 2011 vor Ort managen musste, zieht sich im Grunde durch alle 23 Berichte des Buches hindurch: Während die Betroffenen noch damit beschäftigt sind, das Erdbeben zu verarbeiten, realisieren sie erst langsam, dass die Katastrophe damit noch lange nicht ausgestanden ist. Zugleich müssen sie ihre Angehörigen beruhigen, die durch die sensationalistische Medienberichterstattung in Deutschland in Angst versetzt sind.

Die Berichte haben alle nicht den Anspruch, großartig literarisch zu sein, sondern sind vor allem eins: Berichte, unmittelbar und authentisch. Jürgen Oberbäumer beispielsweise beschreibt, wie er nach dem Erdbeben unter Schock in sein Haus zurückkehrt um seine Wertgegenstände zu retten:

Die Erinnerung an all das ist löchrig wie ein Schweizer Käse, manches ist glasklar – anderes einfach nicht zu finden.
Jürgen Oberbäumer, S. 86

Sein Bericht zeigt: Obwohl er mit seiner japanischen Frau schon länger in Japan lebt, ist das Erdbeben für ihn ein tiefgreifendes, verunsicherndes Erlebnis.

Japan an jenem Tag bietet durch die vielen verschiedenen Berichte ganz unterschiedliche Blickwinkel auf das Geschehen: Es gibt Berichte vom oben erwähnten deutschen Botschafter, Lehrenden und Forschern, die sich gerade in Japan aufhalten oder dort seit Jahren wohnen. Es gibt sowohl Berichte aus dem direkt betroffenen Norden, aber auch aus der Hauptstadt Tôkyô, wo das Beben deutlich zu spüren ist und schließlich gibt es auch Berichte aus dem nur indirekt betroffenen Süden Japans.

Für alle, die den 11. März in Japan selbst erlebt haben, ist es spannend, diese Berichte nachzulesen – jeder wird sich in einem oder mehreren der Berichte sicher wiederfinden. Für alle, die die Katastrophe nur über das Fernsehen miterlebt haben, bietet Japan an jenem Tag einen Einblick in das tatsächliche Alltagsleben in dieser schwierigen Zeit, das oft trotz aller Schwierigkeiten auch ganz „normal“ sein kann:

Pflichtbewusst bekam ich seitens der Universitätsbibliothek eine Mail auf Japanisch und Englisch, dass der Leihbetrieb eingestellt würde, weil etwa 500.000 Bücher aus den Regalen hinausgefallen seien.
Manfred Pohl, S. 105

Japan an jenem Tag unterscheidet sich in seiner Perspektive von dem von der Japanerin Yuko Ichimura verfassten Tagebuch nach Fukushima. Wer die Ereignisse aus japanischem Blickwinkel nachlesen möchte, sollte zu diesem Buch greifen.

Verfasst am 1. März 2014 von

Japan an jenem Tag
Iudicium 2014, 283 Seiten, 14 € ISBN: 978-3862051090
Fazit
Die japanische Erdbebenkatastrophe aus deutscher Perspektive - die ersten umfassenden Erfahrungsberichte.

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Kommentare

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
    ich bin eben auf Ihre Rezension meines Beitrags im iudicium -„Buch Japan an jenem Tag“ gestossen und moechte Ihnen dafuer danken! – Gleichzeitig auch mitteilen dass ich ein ganzes, eigenes Buch zum Thema geschrieben habe. Es heisst „Fukushima- Im Schatten“ und ist 2015 im Verlag Ch. Moellmann erschienen. Es umfasst etwa 240 Seiten und kostet 20 Euro. Das Buch wurde letztens sehr positiv in der Sueddeutschen Zeitung rezensiert, hier ist ein link:http://www.sueddeutsche.de/kultur/dokumentarische-literatur-versuche-zu-zaubern-1.2867613 und auch im SWR2 vorgestellt: http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/tandem/swr2-tandem-im-schatten-von-fukushima/-/id=8986864/did=16992060/nid=8986864/z1fs4l/index.html Vielleicht interessiert Sie das auch? MIt freundlichen Gruessen aus Iwaki, Fukushima, Ihr Juergen Oberbaeumer

  2. Sehr geehrter Herr Oberbaeumer,
    vielen Dank, dass sie sich durchgerungen haben, sich haben überreden lassen, Ihre Gedanken und Gefühle über das Unglück in Fukushima durch eine ganz eigene Sichtweise zu berichten. Ich habe Ihr Buch -Fukushima im Schatten- verschlungen. Ich hatte das Gefühl, Sie sässen mir gegenüber und reden von der Leber weg und am Ende sind sie erleichtert. Es zeigt die unverblümte Lebensweise, die man nur erfährt, wenn man nicht als Hochglanzfassadentourist unterwegs ist. ( ich bin keiner, denn ich schaue gern hinter die bröckelnden Fassaden). Ich habe auch viel Jahre im Ausland gelebt, und mein Argument war immer, – man muss es im Paradies auch aushalten können-.
    Trotz alledem, werde ich im November ein zweites mal nach Japan reisen, denn die Sehnsucht bleibt ungetrübt. Mehrere Zufälle, die es ja angeblich nicht geben soll, führten mich im Nov.15-Jan 16 das erste mal nach Shikoku.
    Und mal ehrlich, in welchem Land läuft heute alles noch human und legitim ab?
    Mit herzlichen Grüssen aus Deutschland, alles Positive

    Manuela Kordon

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