Die tausend Herbste des Jacob de Zoet

Rowohlt, , 720 Seiten, ISBN:  978-3498045180

Schon im Frühsommer begann Rowohlt mit den ersten Werbeaktionen zu diesem umfangreichen historischen Roman, rief eine eigene Homepage ins Leben und schickte aufwendig gestaltete Leseexemplare auf den Weg zu den ersten Rezensenten.

Insgesamt scheint sich Die tausend Herbste des Jacob de Zoet abzuheben von anderen Romanen seines Genres. Er ist kein üblicher historischer Roman, will ein Abenteuerroman sei, aber durchaus mit realistischem Handlungsverlauf, historischen Fakten und erzählerischer Tiefe.

Der aufwendig gestaltete und beworbene Roman weckt Neugier, aber auch große Erwartungen. Liefert Mitchell hier nun endlich einmal einen historischen Roman mit Tiefe, der uns die Edo-Zeit hautnah miterleben lässt?

Historischer Hintergrund

Die Ausgangslage ist zunächst schwierig zu verstehen für die Leser, die mit den historischen Hintergründen nicht vertraut sind. Japan ist um 1800 abgeschottet von der Welt und pflegt nur über Nagasaki Handel mit Niederländern und Chinesen. Die Niederländer wohnen auf einer kleinen Insel vor der Stadt, Dejima. Abgeschottet von den Japanern leben sie fast wie Gefangene, freundschaftlicher Kontakt zu einem Japaner – sei es nur der Dolmetscher – ist untersagt.

Protagonist: Jacob de Zoet

In diese Situation gerät der junge und unbedarfte Jacob de Zoet, der sich für einige Jahre verpflichtet hat, für die Ostindische Kompanie zu arbeiten. Eigentlich will er nur ein wenig Geld verdienen, zurückkehren und seine Verlobte heiraten. Doch aus wenigen Jahren werden schließlich über 20, die er sich in Japan aufhält, die Sprache lernt und verliebt.

Drei Bücher in einem

Zwar ist Jacob der Protagonist, die Erzählung wird aber mit der Zeit ausgeweitet. Anfangs langsam und gemächlich mit einigen Durststrecken, nimmt sie doch bald an Fahrt auf. Es tauchen unzählige Figuren auf, diese werden aber erst langsam nach und nach eingeführt, sodass die Lage immer übersichtlich bleibt. Von Japan schwenkt die Erzählung im Mittelteil zum Schicksal einer jungen japanischen Frau, die in ein Kloster verschleppt wird, das perverse Ritualen durchführt. Abgesehen von diesen etwas seltsam erscheinenden Praktiken im Kloster fehlt dem Roman aber das reißerische Element, das man üblicherweise von historischen Romane durchwachsener Qualität kennt. Schließlich kehrt die Handlung zurück zu Jacob, erlernt er die japanische Sprache und Kultur immer besser verstehen und wird schließlich noch in eine spannende Seeschlacht verwickelt.

Interessante Charaktere

Interessant an Jacob ist seine Schläue, auch insgesamt sind die Protagonisten des Romans aufmerksam und intelligent. Auch wenn Jacob sich durch seine Ehrlichkeit zunächst ins Abseits manövriert, gelingt es ihm dennoch, seine Position zum Vorteil zu nutzen. Es sind nicht die großen, abenteuerlich gewagten Aktionen, sondern kleine Tricks und Kniffe, die immer wieder für kleinere Überraschungen sorgen. Auch die Dialoge sind durchaus inhaltsreich und verhandeln anthropologische Grundprobleme wie Verständigungsprobleme, Isolation und Rückständigkeit, Wissensdurst und Forschergeist sowie Aberglauben und Machthunger.

Historische Romane der Edo-Zeit

Während es bei anderen historischen Romanen, die im Japan dieser Zeit spielen, oft störend ist, dass die realistischen Gegebenheiten zugunsten einer spannenden Handlung ignoriert werden wie etwa in Die Rache des Samurai, bleibt Mitchell im Rahmen des Möglichen, was dem Roman einen ernsthaften Anstrich verleiht. Einzig seltsam sind die perversen Machenschaften im Tempel und der Kampf gegen den Widersacher Enomoto, der die Verkörperung des Bösen in Person darstellt. Bis auf diese eher stereotypen Elemente zählt Die Tausend Herbst des Jacob de Zoet aber wohl eher zu den anspruchsvolleren historischen Romanen.

Leseempfehlung

Für dieses Buch ist es schwer, eine Leseempfehlung abzugeben, da es mit seiner komplexen Handlung und Vielschichtigkeit gleich mehrere Lesergruppen anspricht. Einigen wird die Handlung sicher nicht dynamisch genug sein, wer aber einen nachdenklichen und tiefgründigen Roman erwartet, wird auch nicht ganz zufrieden gestellt. Auch Japan tritt nicht ganz so stark in den Vordergrund, spielt bis Seite 220 sogar eigentlich bis auf die japanischen Dolmetscher gar kein Rolle. Der Fokus liegt eindeutig auf der niederländischen Perspektive.

Verfasst am 21. September 2012 von

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Die tausend Herbste des Jacob de Zoet
Rowohlt 2012, 720 Seiten, 19,95 € ISBN: 978-3498045180
Fazit
Unterhaltungsroman oder doch eher anspruchsvolle Lektüre? Dieser historische Roman versucht beides zu sein.

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Kommentare

  1. Auch die „Welt“ hat ein positives Urteil zum Roman gefällt. Ich denke, dass ich ihn lesen werde.
    Vielen Dank an Friiederike für ihre beständige und gute Arbeit!!

  2. Ich habe das Buch auch auf meinem Blog besprochen und es mir aufgrund einer überschwänglichen Rezension im Spiegel gekauft. In den Genuss eines Leseexemplars bin ich leider nicht gekommen!
    Mir hat der Roman ausgesprochen gut gefallen und doch habe ich mir mit meiner Rezension sehr schwer getan – du schreibst ja auch von den vielen, irgendwie miteinander verschlungenen Handlungssträngen. Ich bewundere dich, wie klar du deine Rezension strukturiert hast – da kann ich mir noch einiges von abgucken.

    Viele Grüße
    Mara

  3. Ich bin durch dieses Blog auf das Buch gekommen, hatte es mir sofort als Rezensionsexemplar besorgt und inzwischen mit allergrößtem Interesse gelesen, da ich gerade selbst einen 1000-1200 Seiten starken Japan-Roman über diese Epoche abgeschlossen habe.

    Das Buch hat ein paar schöne Momente, und das sollte wohl auch das mindeste sein bei einem Autor, der immer aus der „Suche nach dem perfekten Satz“ ist.

    Die sonst von ihm angepeilten literarischen Ziele verpasst er, und das nicht knapp. Eines der wichtigsten stoffgenerierenden Momente des ersten Teils, nämlich die schwierige sprachliche Verständigung zwischen Holländern und Japanern, die auch noch historische Authentizität verbürgen soll, ist völlig unhistorisch. Nach zweihundert Jahren permanenten und intensiven Kontakts mit den Holländern verstanden und sprachen praktisch alle Einwohner von Nagasaki einigermaßen Holländisch. Bis nach Edo lasen und sprachen die Gelehrten Holländisch. Die Mitglieder der Übersetzergilde von Nagasaki, etwa dreißig bis fünfzig an der Zahl, übten ihren von ihren Vätern ererbten Beruf in der fünften und sechsten Generation aus. Sie beherrschten Holländisch akzentfrei und perfekt in Wort und Schrift und übersetzten wissenschaftliche Werke. Von Verständigungsproblemen konnte also keine Rede sein.

    Die Liebesgeschichte zwischen der Hebamme Orito und Jacob de Zoet funktioniert auch überhaupt nicht. Das beginnt schon damit, dass Orito kein japanischer Frauenname ist (und auch nicht so klingt, sondern eher wie ein Jungen- oder Tiername), und die Frau hinter dem Namen wird auch zu keinem Zeitpunkt annähernd weiblich wird, so dass man das Begehren de Zoets für überhaupt nicht nachvollziehen kann – außer als Notgeilheit, weil er sich nicht mit den für die Ausländer reservierten japanischen Kurtisanen abgeben will. Die hatten allerdings einen exzellenten Ruf, sowohl bei den Holländern, die sie ‚pro tempore‘ heirateten, als auch später, wenn ihre Freier wieder in die Heimat reisten. Ehemalige Zeitfrauen der Holländer waren sehr begehrt auf dem Heiratsmarkt, weil japanische Männer so dem Ausland näher kommen konnten. Also der ganze puritanische Liebesplot ist nicht nur unhistorisch, sondern vor allem vollkommen unsexy.

    Der zweite Teil des Buchs ist ein saudummer Wannabe-Japan-Gothic-Splatter mit kinderfressenden japanischen Mönchen in den Bergen. Das fand ich richtig ärgerlich.

    Der dritte Teil, der vom Verlag als „veritable Seeschlacht“ angepriesen wurde, was von einigen dumpfbackigen Rezensenten unhinterfragt übernommen wurde, ist mitnichten eine Seeschlacht, sondern es sind nur ein paar Geschützsalven eines englischen Schiffes auf den Hafen von Nagasaki. Diese Geschichte sollte dem sogenannten „Phaeton-Vorfall“ nach- bzw. vorempfunden sein (er ereignete sich erst acht Jahre später). Das hat mit dem Vorangegangenen kaum noch etwas zu tun und wird doch gewaltsam damit zusammengenäht.

    Ich finde diesen Roman literarisch ambitioniert, aber man merkt ihm den Fleiß, das Streberhafte und den Schweiß an, der aus jeder Pore kommt. Das sieht man dann auch an einigen Details, die dann doch völlig falsch sind. Es gab keine ‚Milch‘ in Nagasaki und auf Dejima, weil die ersten Milchkühe erst 1860 eingeführt wurden usw. Die drei Teile passen weder als Plot, noch stilistisch irgendwie zusammen. Das ist alles unheimlich gewollt. Es gibt auch keine echten Gefühle, alles ist mit Ironie und dreckigem Humor zugekleistert. Das ist für mich keine Literatur, sondern kunstgewerbliches Schreiben. Sicher besser als die herkömmliche Sauce historischer Romane, wie Friederike geschrieben hat, aber nicht viel,

    Ich habe etwas über mein Buch, das 2013 in einem Publikumsverlag erscheinen wird, auf meinem englischen Blog geschrieben: http://regisworld.wordpress.com/2012/09/27/%E3%82%B7%EF%BC%8D%E3%83%9C%E3%83%AB%E3%83%88-my-novel-shiboruto-is-completed/

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