Es gibt Romane, bei denen auf den ersten Blick nicht ganz ersichtlich ist, was einen inhaltlich erwartet. So ist es auch bei Der Bibliothek meines Großvaters, einem Roman, der sich nicht direkt in eine Kategorie einordnen lässt.
Vom Cover her würde man wohl am ehesten von einem Roman für junge Erwachsene oder zumindest für ein jüngeres Lesepublikum ausgehen. Vom deutschen Titel her lässt sich auch nur schwer ableiten, dass es in dem Roman um das Lösen von Kriminalfällen geht. Der japanische Titel, der übersetzt etwa „Sei wie ein Meisterdetektiv“ heißt, ist hingegen deutlicher.
Auch der deutsche Klappentext bleibt vage und versucht, den ungewöhnlichen Inhalt irgendwie einzufangen:
“Kaede, eine junge Lehrerin aus Tokio, stößt eines Tages auf seltsame Zeitungsausschnitte, die in einem gebrauchten Buch stecken. Ein Rätsel! Sie muss sofort an ihren Großvater denken, der trotz seiner Demenzerkrankung über eine unglaubliche Kombinationsgabe verfügt. Außerdem weist er ein enormes Wissen auf, wenn es um die großen Klassiker der Kriminalliteratur geht. Gemeinsam lassen die beiden ihrer Fantasie freien Lauf und lösen so meisterhaft allerlei kleine und große Rätsel, auf die Kaede in ihrem Alltag stößt. Doch plötzlich nähert sich Kaede ein bedrohlicher Schatten, der die beiden auf eine harte Probe stellt. Kann ihre gemeinsame Liebe zur Literatur sie retten?“
Klappentext (Ausschnitt)
Kurz gesagt bildet die Beziehung zwischen Kaede und ihrem Großvater den Rahmen für einen Roman mit sechs Kriminalfällen, die in klassischer Manier eines Rätselkrimis von beiden gemeinsam in längeren Dialogen durch logische Schlussfolgerungen gelöst werden. Das Besondere ist zudem, dass der Großvater durch eine besondere Form der Demenz halluziniert, was ihm teilweise auch bei der Lösung der Fälle hilft.
Da der Roman nur rund 330 Seiten umfasst, sind die Kriminalfälle dementsprechend kurz, aber sehr abwechslungsreich. Kaede und ihr Großvater sind Krimifans durch und durch; dementsprechend erinnern die Dialoge der beiden teilweise an Sherlock Holmes und Dr. Watson. Mit Kaede und ihrem Großvater schafft Masateru Konishi es allerdings, das Konzept in ein modernes japanisches Alltagssetting zu übertragen.
Wer also klassische logische Rätselkrimis mag (im Bereich japanischer Literatur wären das beispielsweise Romane von Seishi Yokomizo oder Yukito Ayatsuji), könnte an dieser modernen Kurzvariante großen Gefallen finden.
Zugleich ist der Roman aber mehr als eine Sammlung an kurzen Kriminalfällen. Zum einen gibt es zwischen den einzelnen Episoden einen größeren Zusammenhang, der sich erst später erschließt. Zum anderen ist die besondere Beziehung zwischen Kaede und ihrem Großvater nicht unwesentlich für die Handlung. Die Beziehung ist geprägt von Schicksalsschlägen und einer großen gegenseitigen Verbundenheit. Obwohl sie erst 27 Jahre als ist, ist Kaede eine einsame junge Frau, die sich um ihren Großvater kümmert und versucht, Verständnis für seine Erkrankung aufzubringen. Zugleich versucht auch ihr Großvater, sie trotz all seiner Einschränkungen zu unterstützen, und hilft ihr mit seinen detektivischen Fähigkeiten, als Kaede schließlich selbst in einen Kriminalfall verwickelt wird.
Vielleicht hat es der Romane gerade durch diese ungewöhnliche Kombination aus Rätselkrimi und Familiengeschichte in Japan zum Bestseller gebracht.
In Japan besteht die Reihe 名探偵のままでいて aus insgesamt drei Teilen. Der zweite Teil Die Rätsel meines Großvaters erscheint in Deutschland in diesem Monat.



















