Das Casting

Das Casting

オーディション
Rezension vom: 2. November 2019 von // Zuletzt aktualisiert: 23. Februar 2026

Eine bildhübsche Frau mit guten Manieren, einer geheimnisvollen Aura und einem Mann, der ihr vollkommen verfallen ist. Aus einem Casting entwickelt sich eine verhängnisvolle Liebesgeschichte.

Aoyama ist ein erfolgreicher Dokufilmproduzent mit eigener Agentur. Seit dem frühen Krebstrod seiner Frau lebt er mit seinem Sohn Shigehiko allein, lässt sich nur ab und an mit Hostessen ein. Als sein Sohn ihm mit 15 Jahren selbst vorschlägt, dass er sich neu verheiraten soll, beginnt Aoyama, sich ernsthaft mit dem Gedanken auseinanderzusetzen. Aber wie soll er die perfekte Frau finden, für die sich dieser weitreichende Schritt auch wirklich lohnt?

Sein Freund, ebenfalls in der Filmbranche, schlägt Aoyama vor, ein Casting für einen fingierten Film zu starten. Es bewerben sich 4.000 junge Frauen, unter denen Aoyama nun seine künftige Frau auswählen kann. Nur eine aber fällt ihm sofort ins Auge. Sie scheint genau wie er zu wissen, was es heißt, im Leben einen schweren Schicksalsschlag zu erleben:

Es klingt vielleicht übertrieben, aber wenn eines Tages das Wichtigste, was man hat, zerbricht, ist das in gewisser Weise so, wie wenn man sich plötzlich mit dem Tod konfrontiert sieht. Im Grunde genommen ist das Leben eine schrittweise Annäherung an den Tod. (S. 45)

So formuliert die junge Ayami ihr Bewerbungsschreiben für das Casting und fasziniert Aoyama mit ihrer Sanftheit, Ernsthaftigkeit und Zerbrechlichkeit. Aoyama verliebt sich und ignoriert alle Warnsignale, die darauf hindeuten, dass die junge Frau ein Geheimnis um ihre Vergangenheit und ihre Identität macht.

Wer Ryû Murakami schon kennt, wird überrascht sein über die Ruhe, mit der die Geschichte erzählt wird. Keine Gewalt, keine Perversionen, nur die Suche nach der großen Liebe. Zwar enthüllt auch die Form des Castings, dass Liebe letztlich eine Wäre ist und Menschen sich auf einem Markt feilbieten. Zwar ist die Sicht auf die Gesellschaft gewohnt düster. Zwar haben alle Personen im Buch mit Schicksalsschlägen zu kämpfen und eine negative Sicht auf die kapitalistische, gnadenlose Welt. So ganz hoffnungslos und grausam aber scheint die Welt noch nicht zu sein.

Das Casting erinnert stark an Natsuo Kirinos Grotesk oder Teufelskind. Während Kirino es aber schafft, in beiden Romanen ein Psychogramm der Figuren zu zeichnen, bleibt dies bei Murakami aus. Zwar inszeniert er die langsame Annäherung von Aoyama und Ayami gekonnt spannend, Ayamis Charakter ist schließlich aber nur schwer greifbar. Die knapp 200 Seiten lesen sich trotzdem fast in einem Zug und zum Schluss wird es richtig spannend.

Fazit
Ein ungewöhnlich - zumindest scheinbar - ruhiger Roman von Murakami mit temporeichem und spannungsvollen Ende.

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