Japan ist ein Land der Gegensätze: Obwohl es ein technologisch hochentwickelter Industriestaat ist, ist sein symbolisches Oberhaupt ein Kaiser, der der Legende nach von der Sonnengöttin Amaterasu abstammen soll. Das japanische Kaiserhaus gilt deshalb auch als älteste Dynastie der Welt.
Der SPIEGEL-Korrespondent Wieland Wagner, der lange Jahre in Japan gelebt hat, berichtet auf über 400 Seiten über diese ungewöhnliche Dynastie, die momentan mehr denn je an einem Wendepunkt steht, denn ihr geht das Personal aus.
Ein Grund dafür sind rigide Regeln, etwa die Vorgabe, dass die Thronfolge nur an einen Mann vergeben werden kann. So ist die Tochter des aktuellen Tennō, Prinzessin Aiko, von der Thronfolge ausgeschlossen. Ihre Mutter, Kaiserin Masako, litt jahrelang unter dem öffentlichen Druck, keinen Sohn gebären zu können.
Auch sonst sind Frauen am Hof benachteiligt: In dem Moment, in dem sie heiraten und ins bürgerliche Leben wechseln, ist ihr Dienst am Hof beendet. So bleibt aktuell als Nachfolger des Tennō nur der Bruder des Kaisers, Akishino, und dessen Sohn Hisahito.
Eine Reform, die auch Frauen erlaubt, Tennō zu werden, wird durch konservative Kräfte weiterhin verhindert. Wagner erläutert die rechtliche Stellung des Kaisers und dessen Familie, zeichnet die aktuellen politischen Entwicklungen nach und veranschaulicht, wie die Abdankung des letzten Tennō – unabsichtlich oder nicht – verhinderte, dass Japan sich von seiner pazifistischen Verfassung verabschiedete.
Das Buch ist gut ausbalanciert zwischen historischer Erzählung und aktuellen Entwicklungen. Wagner beginnt mit einer detaillierten Darstellung der Zeit des Meiji-Tennō und der Öffnung Japans zum Westen. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Entwicklungen Japans in den 1930er Jahren und der Frage danach, inwiefern der Tennō für die Kriegsverbrechen der Japaner verantwortlich war.
Mit Kriegsende muss der Tennō 1946 schließlich anerkennen, dass er nicht göttlich ist. Wagners Urteil über die Auswirkungen, die dies auf die Gesellschaft hatte, ist durchaus kritisch:
„Das spirituelle Vakuum, das der Tenno mit seiner Entgöttlichung hinterlassen hatte, wurde nicht mit neuen Werten gefüllt. Bis heute nicht.“
Wieland Wagner, Das Erbe des Tennos, E-Book-Ausgane
Die Geschichte der Entwicklung des Kaiserhauses nach dem Zweiten Weltkrieg ist deshalb auch eine Geschichte der japanischen Gesellschaft, die vor allem von wirtschaftlichem Aufschwung und Konsum geprägt ist. In dieser oberflächlich modern erscheinenden Gesellschaft bleibt das Kaiserhaus regelgebunden und ritualisiert, was zu der bereits erwähnten Nachfolgerproblematik führt. Daneben geht es Wagner aber vor allem auch darum zu analysieren, wie ein Kaiserhaus, das sich politisch nicht äußern darf, dennoch eigene Akzente setzen kann.
Im Erzählton liest sich das Buch wie eine längere SPIEGEL-Reportage und ist somit trotz seines Umfangs recht kurzweilig, selbst wenn man sich nur wenig für die Monarchie interessiert. Das Erbe des Tennos ist mehr als ein Buch über die Kaiser Japans: Durch die besondere Stellung, die der japanische Kaiser innehat, verbindet es Geschichte, aktuelle Politik und Gesellschaftsgeschichte miteinander.





















