Lehrwerke für Einsteiger gibt es viele. Wer seine Japanischkenntnisse anschließend vertiefen und sich gezielt auf die Kommunikation in Alltagssituationen vorbereiten möchte, findet hingegen nur wenige Lehrwerke, die sich ausschließlich auf diesen Bereich konzentrieren. Wie gut das mit diesem Buch gelingt, habe ich in einem ausführlichen Selbsttest ausprobiert.
1. Zielgruppe
Japanische Alltagssprache setzt bereits Grundkenntnisse voraus und richtet sich an Lernende auf dem Niveau A2 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GER). An welche Lehrwerke das Buch konkret anschlussfähig ist, lässt sich allerdings nicht eindeutig sagen, da sich die behandelten Vokabeln und Themenbereiche je nach Lehrwerk unterscheiden. Eine gute Grundlage bietet jedoch Grundkenntnisse Japanisch, das ebenfalls vom Autor Shinichi Okamoto konzipiert wurde.
Umgekehrt lässt sich jedoch sagen: Wer einen grundlegenden Einstiegskurs – etwa Minna no Nihongo, Genki, Marugoto oder den PONS Power-Sprachkurs – durchgearbeitet hat, sollte keine Schwierigkeiten haben, mit diesem Buch zu arbeiten.
Je nach den bereits vorhandenen Vorkenntnissen vermittelt Japanische Alltagssprache entweder neuen Wortschatz oder festigt bereits Gelerntes.
Japanische Alltagssprache ist kein klassisches Lehrbuch, sondern vielmehr ein Übungsbuch, das sich auf Hörverstehen und typische Kommunikationssituationen konzentriert. Ziel ist es, fehlende Sprachpraxis auszugleichen. Dazu bietet das Buch vor allem feste Satzmuster und Redewendungen, die angehört und eingeübt werden können.
2. Japanische Schrift
Wer ein Lehrwerk auf dem Niveau A2 nutzt, sollte in der Regel bereits über grundlegende Lesekenntnisse verfügen. Im Japanischen gehört dazu vor allem, die beiden Silbenschriften Hiragana und Katakana lesen und schreiben zu können. Hinzu kommen im weiteren Lernverlauf die Kanji – aus dem Chinesischen übernommene Schriftzeichen, von denen man für eine sichere Lesekompetenz im Japanischen etwa 2.000 beherrschen sollte.
Okamoto wählt hier einen Kompromiss: Alle Dialoge und Vokabeln sind sowohl in japanischer Schrift als auch in lateinischer Umschrift abgedruckt. Das gesamte Buch ist somit so konzipiert, dass sich auch Lernende zurechtfinden, die Hiragana und Katakana noch nicht sicher beherrschen.
Die Dialoge in japanischer Schrift sind mit Hiragana, Katakana und Kanji geschrieben. Da Kanji meist erst später im Lernprozess eingeführt werden, versehen viele Lehrbücher diese häufig mit einer Lesehilfe in Hiragana, den sogenannten Furigana. Diese fehlen hier jedoch vollständig. Wer Schwierigkeiten beim Lesen der Kanji hat, muss daher auf die lateinische Umschrift zurückgreifen.
Bei den Übungen wird hingegen auf eine lateinische Umschrift verzichtet. Hier muss man die meist kurzen Dialoge bereits in japanischer Schrift lesen können. Auch bei den Grammatikerklärungen stehen die Beispielsätze ausschließlich auf Japanisch. Meiner Ansicht nach ist dieses Konzept daher nicht vollständig konsequent umgesetzt.
Man kann diesen Umstand sowohl positiv als auch negativ bewerten. Positiv ist, dass man dadurch gezwungen wird, sich mit der tatsächlichen Lesung japanischer Texte auseinanderzusetzen. Negativ ist hingegen, dass man dafür eigentlich wieder ein Nachschlagewerk für Kanji benötigt. Ich hätte mir hier gewünscht, auf die lateinische Umschrift zu verzichten und stattdessen die Kanji mit Furigana zu versehen.
3. Grammatik
Die Grammatik spielt im Übungsbuch – wie auch im Vorwort selbst erwähnt wird – lediglich eine untergeordnete Rolle. Es wird beispielsweise vorausgesetzt, dass man weiß, was Partikeln sind und wie sich die einzelnen Verbformen unterscheiden. Trotzdem werden einzelne Phrasen aus den jeweiligen Dialogen kurz erklärt. Diese Erklärungen beschränken sich jedoch auf ein Minimum. Hier zwei Beispiele:
Konzessivsatz mit ても (auch wenn ~): V(Te-Form) + mo
「どんなに遠く歩いても、丸い日は かかるでしょうね。」
Seite 68
Empfehlung (es ist besser, ~ zu machen): V(Ta-F) hoo ga ii
「早く医者に 行った方が いいですよ。」
Seite 70
Insofern konzentriert sich das Buch – wie auch im Vorwort selbst beschrieben – im grammatischen Bereich auf das Erlernen fester Redewendungen und Ausdrücke.
4. Wortschatz
Inwiefern der Wortschatz tatsächlich viele neue Vokabeln vermittelt, lässt sich schwer abschätzen und hängt immer davon ab, mit welchem Buch man zuvor gearbeitet hat. Der Anhang, in dem sich die verwendeten Vokabeln jederzeit nachschlagen lassen, umfasst insgesamt rund 1.350 Wörter. Im Vergleich zu einfachen Einführungskursen wie dem Hueber Einstiegskurs oder dem PONS Pocket-Sprachkurs, deren Wortschatz sich im Bereich von etwa 400 bis 500 Wörtern bewegt, bietet das Buch jedoch eine deutliche Erweiterung.
Die Themenfelder reichen von Reisen (Einreise, nach dem Weg fragen, Reisebüro) über Alltagsthemen (Telefon, Einkaufen, auf dem Postamt, im Restaurant, Verkehrsmittel nutzen, zum Arzt gehen, bei der Bank) bis hin zu beruflichen Situationen. Der Schwerpunkt liegt jedoch eindeutig auf Alltagssituationen.
5. Landeskunde und Kultur
Der Dialogteil präsentiert ausschließlich Dialoge und Übungen und enthält keine zusätzlichen Informationen zu Landeskunde oder Kultur.
6. Übungen
Es gibt 22 Lektionen, die nach bestimmten Alltagsthemen (z. B. Einkaufen) geordnet sind und insgesamt 51 Dialoge enthalten. Der Aufbau ist dabei immer sehr ähnlich: Zunächst wird ein Dialog in japanischer Schrift und lateinischer Umschrift präsentiert, den man sich parallel als Audiodatei anhören kann. Anschließend folgt die deutsche Übersetzung.
Sofern notwendig, werden anschließend sehr kurze Erläuterungen zu den verwendeten grammatischen Phänomenen beziehungsweise Satzkonstruktionen gegeben.
Die Übungen sind immer so aufgebaut, dass entweder ein Dialog mit Lücken präsentiert wird, die ausgefüllt werden sollen, oder ein fertiger Dialog, in dem einzelne Wörter ersetzt werden müssen. Ein einfaches Beispiel aus einem Dialog auf Seite 8 wäre der Austausch des Gesprächspartners, also beispielsweise:
Herr Huber, Sie sind Deutscher, nicht wahr (フーバーさん、ドイツの方ですね。) soll abgewandelt werden in Herr Smith, Sie sind Engländer, nicht wahr (スミスさん、イギリスの方ですね。).
Da das Buch auch Lösungen zu den Lückentexten sowie die bereits erwähnten Audiodateien enthält, eignet es sich grundsätzlich auch zum Selbstlernen. Gerade durch den eher passiven Aufbau – Dialoge anhören und wenig fordernde Übungen bearbeiten – ist es jedoch schwierig, über die gesamte Länge des Buches hinweg motiviert zu bleiben.
Der Autor des Buches, Shinichi Okamoto, ist selbst Dozent an der privaten Sprachschule Manabi in Düsseldorf und hat weitere Lehrwerke veröffentlicht. Viel eher kann ich mir vorstellen, dass das Buch im Unterricht seine Stärken entfaltet, wenn die Dialoge gemeinsam nachgespielt und durch zusätzliche Erklärungen des Dozenten ergänzt werden.
Aufgrund der geringen Abwechslung bei den Übungen würde ich es daher nicht als reinen Selbstlernkurs empfehlen.
7. Layout und Gestaltung
Das Übungsbuch ist sehr zweckmäßig gestaltet und besteht fast ausschließlich aus Text. Es legt den Fokus allein auf die Vermittlung sprachlicher Inhalte und ermöglicht damit ein sehr zielgerichtetes Lernen.
8. Zusatzmaterialien
Für das Selbststudium und das Lernen zu Hause sind die Dialoge sowie zusätzliche Redewendungen, die sich jeweils am Ende der thematischen Kapitel befinden, vertont und können angehört und nachgesprochen werden. Dem Buch liegt – wohl auch seinem Alter geschuldet – noch eine CD bei. Wer kein CD-Laufwerk mehr besitzt, kann die Audiodateien jedoch auch direkt online herunterladen. Zwar funktioniert der im Vorwort angegebene Link buske.de/JapanischeAlltagssprache nicht mehr, auf der Produktseite findet sich jedoch ebenfalls ein entsprechender Download.
9. Schwierigkeitsgrad und Progression
Grundsätzlich ist es möglich, die einzelnen Kapitel nach und nach durchzuarbeiten. Wer jedoch bestimmte Themenbereiche benötigt, kann auch direkt mittendrin einsteigen. Eine bestimmte Reihenfolge wird insofern nicht vorausgesetzt. Sollten einzelne Vokabeln fehlen, lassen sich diese im Anhang nachschlagen.
10. Autodidaktisch lernen vs. Lernen im Kurs
Das Übungsbuch richtet sich ausdrücklich auch an Selbstlerner und stellt dafür alle benötigten Materialien bereit. Als Zielgruppe sehe ich jedoch tatsächlich vor allem fortgeschrittene, sehr motivierte Selbstlerner, die sich Grammatik und weitere sprachliche Grundlagen eigenständig aneignen können und dafür bereits geeignete Lernstrategien entwickelt haben. Andernfalls funktioniert das Buch am besten als Grundlage für den Unterricht mit einem engagierten Lehrer.
11. Fazit
Egal, wie viele Dialoge man einübt und wie viele Redewendungen man auswendig lernt – die tatsächliche Kommunikationssituation wird letztlich immer individuell verlaufen. Das Buch ausschließlich für das Selbststudium zu verwenden, wirkt in einer Zeit interaktiver Onlinekurse vielleicht etwas veraltet. Für den klassischen Drill und als zusätzliches Übungsmaterial für alle, die gerne analog am Schreibtisch arbeiten, eignet es sich jedoch allemal. Es ist jedoch mehr eine Ergänzung zu einem Lehrbuch als ein eigenständiges Lehrwerk.
Sprachniveau
A1 A2 B1 B2 C1 C2
JLPT
N5 N4 N3 N2 N1
Lernformen
Vorteile:
– Fokus liegt auf Alltagssituationen
– praktische Ergänzung für Fortgeschrittene als Zusatzmaterial zu einem Hauptlehrbuch
Nachteile:
– wenig abwechslungsreiche Übungsaufgaben
– lateinische Umschrift fehlt bei Übungsdialogen




























