Handyromane. Ein Lesephänomen aus Japan

Handyromane. Ein Lesephänomen aus Japan



EB-Verlag
294 Seiten
ISBN: 978-3868930412

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Romane auf dem Handy lesen? Das ist für uns auch noch heute, obwohl die Smartphones die besten Voraussetzungen dafür bieten, eher unvorstellbar. In Japan verkaufen sich Handyromane aber – in Digital- und Printform – bereits hunderttausendfach.

Auch in der deutschen Presse fand dieses japanische Lesephänomen deshalb in den letzten Jahren Beachtung, denn nicht zuletzt sind Handyromane eine Form digitalen Lesens, die auch Einfluss auf die Konzeption digitalen Lesens in Deutschland haben könnte. Was japanische Handyromane ausmacht und welche Konsequenzen sich daraus für moderne Literatur und den Literaturmarkt ergeben, hat Johanna Mauermann von der Japanologie Frankfurt nun untersucht.

Mauermann definiert Handyromane als Romane, die ursprünglich für das Handy konzipiert wurden. Inzwischen werden in Japan viele Handyroman auch in Printform veröffentlicht, konstituierendes Merkmal für diese neue Literaturgattung sei aber, dass sie zunächst nur digital veröffentlicht werden.

Nach einer kurzen Begriffsdefinition geht Mauermann zunächst auf den Diskurs um den japanischen Handyroman in Japan selbst ein. 4 Romane untersucht sie anschließend exemplarisch: Deep Love (Yoshi), Love Link (Naitoh Mica), Koizora (Mika) und Clearness (Towa).

Mauermanns Buch ist hauptsächlich eine wissenschaftliche Untersuchung, deshalb ist klar, dass ihr Werk weder ein Lesebuch ist, dass die Handyromane selbst als Texte enthält, noch dass es ganz ohne wissenschaftliche theoretische Hintergründe auskommt. Zur strukturellen Untersuchung der Romane zum Beispiel greift sie auf die Erzähltheorie von Gérard Genette zurück. Interessierte Leser, die weder Japanologen noch Literaturwissenschaftler sind, sollte sich davon aber nicht abschrecken lassen. Bis auf die Verwendung dieser Fachterminologie, die aber auch meist noch einmal erläutert wird, liest sich das gesamte Buch flüssig, benutzt Bilder zur Veranschaulichung und verzichtet auf unnötig komplizierte Formulierungen.

Mauermann stellt in ihrer Analyse fest, dass sich nicht der Handyroman schlechthin ausmachen lässt, es aber teilweise gemeinsame Merkmale wie eine einfachere Sprache, stereotype Figuren, mit denen man sich gut identifizieren kann, wenig anschauliche Passagen des Settings gibt und es sich bei den Romanen in der Regel um Liebesgeschichten handelt, die im Sinne der Trivialliteratur auf tragische Entwicklungen setzen, um die Rührung des Lesers hervorzuheben.

Ein kurzes Beispiel, wie spannend und zugleich auch übertrieben solche Romane sein können: In Koizora verliebt sich die Hauptperson Mika in Hiro, verliert ihre Jungfräulichkeit und merkt erst danach, dass Hiro eine andere Freundin hat. Mika wird anschließend auf Initiative einer Exfreundin (Saki) von Hiro von Männern vergewaltigt. Mikas Selbstmordversuch scheitert, sie wird von Hiro schwanger, aber Saki terrorisiert sie erneut, sodass sie das Kind verliert.

Mauermann analysiert nicht nur die Romane für sich, sondern ordnet ihren Erfolg soziologisch ein und beschreibt die Vermarktungsstrategien der Verlage. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Kapitel, dass sich mit der Rückwirkung der Handyromane auf die traditionelle Literatur beschäftigt: Klassiker wie etwa Kokoro von Natsume Sôseki werden gezielt in Handyroman-Aufmachung vermarktet, um junge Leser zu gewinnen – denn die Leserschaft der Handyroman ist überwiegend jugendlich und weiblich.

Ein kurzer internationaler Überblick und ein Glossar mit Informationen zum japanischen Buchmarkt, den bekanntesten Handyromanautoren, ihren Titeln und den Portalen, auf denen sie vertrieben werden, runden das Buch ab.

Auch wenn uns der Zugang zu diesem Phänomen in der Regel durch die Sprachbarriere verschlossen bleibt, schafft Mauermann es mit ihrer Arbeit, die übrigens als erste auf Deutsche dieses Phänomen untersucht, uns japanische Handyromane anschaulich und verständlich näherzubringen. Für jeden, der sich mit der Thematik des digitalen Lesens und ihren Formen auseinandersetzen möchte, ist dieses Buch sicher eine gute Anregung.

Interessante Links zum Thema

Mauermanns Profilseite und Links zu weiteren Publikationen
Anbieter „deutscher Handyromane“

Fazit

Ein sehr relevantes, spannendes Thema, das Mauermann als erste in Deutschland umfassend behandelt. Obwohl dies eine wissenschaftliche Publikation ist, liest sie sich auch für "Laien" interessant und verständlich!

Verfasst am 15. Mai 2011 von

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