Nach drei Romanen erschien 2025 ein Sammelband mit neun Erzählungen von Milena Michiko Flasar. Die österreichische Autorin mit teils japanischen Wurzeln widmet sich auch in diesen Geschichten erneut der aus ihren Romanen bekannten Thematik: Einsamkeit und Isolation in der Gesellschaft.
Wie auch die Romane sind alle Kurzgeschichten in japanische Alltagswelten eingebettet, die den Rahmen für die Geschichten bilden. So erzählt Flasar beispielsweise von einer Hausfrau, die das Große Ostjapanischen Erdbeben im Jahr 2011 fast teilnahmslos erlebt, später jedoch abhängig von Videos über die Katastrophe wird.
Nicht nur aktuelles Zeitgeschehen, auch Sagen und mystische Elemente tauchen in den Erzählungen auf. Eine Erzählung behandelt das Schicksal eines Autors, der mit Hilfe eines Fuchsgeistes seinen ersten Bestseller schreibt. Die Geschichte ist dabei eine erfrischende Neuinterpretation der alten Sage: Klassischerweise wird hier meist ein Mann von einer Füchsin verzaubert. Er verlässt seine Frau und lebt mit der Füchsin in einem wundervollen Palast. Erst Jahre später erwacht er und stellt fest, dass er in einem verdreckten Erdbau gelebt hat und die wunderschöne Frau in Wahrheit nur ein Fuchs ist. In Flasars Version ist es ebenfalls die Füchsin, die den Autor verzaubert und zugleich die Quelle seiner Inspiration darstellt. Gleichzeitig ist sie aber auch für seinen Untergang verantwortlich. Der Ruhm hat schließlich einen hohen Preis.
Hervorzuheben an den Geschichten ist zudem ihre teils mystische Stimmung, in der es durch geschickte Perspektivwechsel nicht immer ganz einfach ist auszumachen, was real ist und was nicht. Die Geschichte mit dem Titel Hawaiian Dreams erzählt von einer jungen Frau und ihrem Freund in der Anonymität der Großstadt Tokyo. Eines Abends fällt beiden vom Balkon ihrer Wohnung aus auf, dass in einem benachbarten Haus eine Frau lebt, die optisch eine exakte Kopie der jungen Frau zu sein scheint. Die Beobachtung der scheinbaren Doppelgängerin wird für das Paar zur Obsession, bis der Mann seine Freundin verlässt. Zugleich verschwindet die Doppelgängerin hinter den Vorhängen ihrer Wohnung und zieht diese nicht mehr auf. Ob der junge Mann damit in die Parallelwelt der Doppelgängerin verschwunden ist, bleibt offen.
Hawaiian Dreams ist nicht die einzige Kurzgeschichte in diesem Band, in der am Ende nicht ganz klar ist, was Traum und Realität sind und wie zuverlässig der oder die Erzählerin in ihren Aussagen tatsächlich ist. Flasar lässt so viel Spielraum für Interpretation und somit viele Möglichkeiten für die Sicht auf die Welt.






















