Nach dem großen Beben

Nach dem großen Beben



Tôkyô, Neujahr 1940. Schon 17 Jahre ist das große Beben, das weit über 100.000 Menschenopfer forderte, her. Doch Yujis Familie ist noch immer davon traumatisiert. Und schon kommt eine neue Katastrophe auf sie zu: Die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs sind auch in Tôkyô zu spüren.

Yuji lebt noch bei seinen Eltern und ist als erfolgloser Dichter, der ein Französischstudium hinter sich hat, noch auf den Unterhalt seiner Eltern angewiesen. Er lebt im Stil eines Intellektuellen müßig in den Tag hinein und trifft sich in einem elitären Zirkel um den Franzosen Feneon und seine Tochter Alissa, um sein Französisch zu verbessern.

Als sein Vater ihm zum Neujahr 1940 die Unterstützung streicht, muss Yuji sich auf einmal um ein eigenes Einkommen kümmern. Aber nicht nur das macht ihm Probleme: In der patriotisch-übersteigerten Kriegsathmosphäre wird Yuji dafür angefeindet, dass er sich bisher dem Kriegsdienst entziehen konnte.

Eine unheilvolle Stimmung breitet sich über der ganzen Szenerie aus. Zwar lebt Yuji in relativer Ruhe, aber die kleinen Anfeindungen aus der Nachbarschaft, der psychisch verstörte Kriegsinvalide Saburo im Nachbarhaus, die ständige Gefahr als Soldat eingezogen zu werden und die Angst vor Beschattung, weil er bei einem Franzosen – einem Ausländer! – ein und aus geht, erzeugen eine insgesamt aufgeladene Athmosphäre.

Was das Buch von anderen Romanen dieser Thematik abhebt, ist sein besonderer Stil: Yujis Geschichte wird in kurzen, schmucklosen, mit Kommata aneinandergereihten Sätzen erzählt. Sehr eindringlich wird dieser Stil zusätzlich durch die Verwendung des Präsens, mit dem man ganz nah an den Ereignissen und bei Yuji ist. Der Leser erlebt Yujis Umwelt nahezu unvermittelt, ohne Erklärungen und Zusammenfassungen, sodass er sich die Hintergründe Stück für Stück selbst erschließen muss.

Einen kleinen Kritikpunkt gibt es aber nicht: Irritierend ist – wie nach dem Handlungsabriss vielleicht schon deutlich geworden ist – der Romantitel. Das Gro√üe Beben von 1923 hat zwar auf Yujis Familie und ihn selbst gewisse psychische Einwirkungen, Hauptthema ist aber Yujis Entwicklung vom Müßiggänger und träumenden Dichter zum Familienvater und eigenständigem Mann, der sich dem patriotischen Wahnsinn nicht beugen will.

Fazit

Auch wenn der Titel etwas irritiert (es geht nicht um das Beben von 1923, sondern den Zweiten Weltkrieg) ein toller Entwicklungsroman mit athmosphärischer Sprache!

Verfasst am 12. August 2010 von
Dieser Artikel wurde zuletzt aktualisiert am 18. August 2019

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