Der Tanuki – ein japanischer Trickster

Der Tanuki – ein japanischer Trickster



Harrassowitz Verlag
ISBN: 978-3-447-10120-2

Wer kennt die Geschichte vom Marderhund nicht, der zuerst die alte Frau erschlägt und aus ihr Suppe kocht, die er in Gestalt der Alten ihrem Ehemann vorsetzt, wofür er dann vom Hasen erst den Rücken verbrannt bekommt und schließlich in einem Boot aus Lehm ums Leben kommt.

In diesem Märchen, kachi-kachi yama, ist der Tanuki ein hinterhältiger Übeltäter. In der Geschichte vom Teekessel, bunbuku chagama, hingegen beschert er einem armen Mann großen Reichtum, indem er für ihn in Gestalt eines Teekessels mit vier Beinen, Schwanz und Schnauze vor Publikum Kunststückchen vollführt.

Es gäbe noch etliche andere Geschichten, die den Tanuki bis heute zu einer Lieblingsfigur der Japaner machen. Sogar als Werbeträger für den Notruf 110 tut er treue Dienste, tritt in Anime, Musicalfilmen und als Nintendos „Tanuki-Mario“ auf und hat der Stadt Shigaraki, die immerhin zu den „sechs alten Öfen“ der japanischen Keramik zählt, zu Wohlstand verholfen, denn dort werden Tanukifiguren in allen Größen und Formen produziert.

Überraschenderweise ist die literaturwissenschaftliche Aufarbeitung der Tanuki-Geschichten gerade in Japan selbst äußerst gering. Andere yokai, kitsune, der Fuchs, kappa, der Wasserkobold oder tengu, der geflügelte Kampfkobold aus den Bergen, haben dem Tanuki den Rang abgelaufen.

Umso erfreulicher ist es, dass die Mitarbeiterin am Lehrstuhl Japanologie II der Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg, Juliane Stein, wohl ihre Magisterarbeit dem Tanuki gewidmet hat. In einem ersten Teil stellt sie zunächst einmal die Fakten über den Tanuki zusammen und weist insbesondere nach, dass die Geschichten um ihn originär japanischen Ursprungs sind, während die ganzen Fuchsmärchen Übernahmen aus China sind. Auch mit der Verwechslung des Tanuki mit dem Dachs, der etwa Kurt Meissner in seinem Buch „Der Krieg der alten Dachse“ von 1932 noch erliegt, räumt sie fachkundig auf. Im zweiten Teil ihrer Arbeit befasst sie sich dann mit dem eigentlichen Anliegen ihrer Arbeit, dem Tanuki als Trickster, also einer Figur, die trickreich, hinterhältig und listig anderen mehr oder minder böse Streiche spielt, während sie gleichzeitig tölpelhaft bis dumm immer wieder hinnehmen muss, dass sie von klügeren Gegenspielern ausgetrickst wird. Der Psychologe Carl Gustav Jung war wohl der erste, der den Trickster als weltweit gültigen Archetypus (andere sind etwa der Held oder der weise Alte) verortete. Ein Trickster weist sechs allgemeingültige Merkmale auf: eine ambivalente und widernatürliche Persönlichkeit, schwindlerisch/betrügerischen Charakter, Gestaltenwandlungsfähigkeit, Erzeugung günstiger Gelegenheiten, Botendienste und/oder Imitieren von Gottheiten und Kreativität im Umgang mit Materialien und Realitäten. Nach diesem Katalog gehört die Märchengestalt des Tanuki zu den Trickstern. Zur Untersuchung der Tanuki-Märchen als moralischer Kompass bedient sich Juliane Stein der von Claude Levy-Strauss entwickelten strukturalen Analysemethode. Danach werden die Mythen in kurze Handlungseinheiten zerlegt und die Beziehungen dieser Handlungseinheiten zueinander in Beziehungsbündeln zusammengefasst. Dieses Verfahren hilft, den moralischen Inhalt hinter oder unter der erzählten Geschichte, herauszuarbeiten. Die Verfasserin führt das exemplarisch an dem Märchen kach-kachi yama durch und arbeitet eine Fülle von Werten und Verhaltensempfehlungen heraus, die Kindern helfen, sich im Leben zurecht zu finden. Zum Abschluss ihrer Arbeit – wie sich das für eine deutsche japanologische Abhandlung gehört, die stets auch die Sprachkompetenz der Verfasserin oder des Verfassers nachzuweisen hat – fügt sie noch Eigenübersetzungen von drei Versionen des kachi-kachi yama und zwei des bunbuku chagama an.

Fazit

Nicht nur für Japanologen, sondern auch für an japanischen Märchen und Mythen interessierten Lesern ein gut lesbares Buch.

Verfasst am 30. August 2014 von

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