„Ozekis ganz eigene, humorvolle Erzählweise und die kunstvolle Verknüpfung unterschiedlicher Erzählebenen machen den Roman zu einer der wohl interessantesten Neuerscheinungen mit Japanbezug in diesem Frühjahr.“
Geschichte für einen Augenblick

Geschichte für einen Augenblick

Verfasst am 28. März 2014

Bisher gibt es wohl kaum Schriftsteller außerhalb Japans, die den Tsunami und die Atomkatastrophe von 2011 in einem Roman verarbeitet haben. Die Halbjapanerin Ruth Ozeki beschreitet diesen Weg mit Geschichte für einen Augenblick und entwirft darin die Biografie eines japanischen Mädchens, dessen Verbleib nach dem Tsunami ungeklärt ist.

„Hallo! Ich heiße Nao, und ich bin Sein-Zeit, ich bin Sein, und ich bin Zeit. Weißt du, was das ist? Wenn du einen Moment hast, erzähl ich es dir.“

Ruth Ozeki, Geschichte für einen Augenblick, Seite 3

Als nach dem Tsunami die ersten Trümmer auch an Kanadas Westküste angespült werden, erhält die Erzählerin Ruth – wie die Autorin Ruth Ozeki Halbjapanerin – das Tagebuch der jungen Japanerin Nao. Naos Tagebuch lädt Ruth zum Stöbern ein, denn die junge Frau hat viel zu erzählen: Nachdem ihr Vater als ehemals erfolgreicher Software-Entwickler im Silicon Valley gekündigt wird, muss ihre Familie zurück nach Japan ziehen. Die in den USA sozialisierte Nao ist dort eine Außenseiterin und wird gemobbt. Das Mobbing geht sogar so weit, dass ihre Mitschüler Naos Vergewaltigung planen und die Aufnahmen anschließend im Internet veröffentlichen wollen. Zugleich ist Naos Vater durch seine Arbeitslosigkeit selbstmordgefährdet – seine Versuche, sich das Leben zu nehmen, scheitern jedoch.

In dieser schwierigen Situation, die Nao trotz aller Ernsthaftigkeit mit viel Zynismus und dennoch sehr unterhaltsam beschreibt, taucht ihre Urgroßmutter Jiko auf. Jiko ist Nonne in einem Tempel in Miyagi und wird in ihrer Abgeklärtheit zu einem Ruhepol für Nao.

„Wir wissen nicht sicher, wie alt sie ist, und sie behauptet, sich ebenfalls nicht zu erinnern. Wenn man sie fragt, sagt sie:

‚Ich lebe schon seit langer Zeit, oder?‘
[…]

Dann fragt man sie, wann sie Geburtstag hat, und sie sagt:

‚Hm, ich kann mich nicht erinnern, geboren worden zu sein…‘

Und wenn man sie noch weiter bearbeitet und fragt, wie lange sie schon lebt, sagt sie:

‚Ich bin schon immer hier, soweit ich mich erinnern kann.‘

Na toll, Oma!“

Naos Geschichte, die Ruth nur vermittelt durch das Tagebuch erlebt, ist tragisch und spannend zugleich. Fast entsteht der Eindruck, als würden in Naos Geschichte alle Probleme des gegenwärtigen Japan durchgespielt: Mobbing an Schulen, Depression und Suizid, Arbeitslosigkeit und die Prostitution von Schulmädchen. Daneben werden jedoch auch andere typische Japanbilder aus der Historie aufgegriffen: So wird ein Kamikazeflieger aus dem Zweiten Weltkrieg für Nao noch eine wichtige Rolle spielen.

Um dem Ganzen einen authentischeren Anstrich zu verleihen, streut die Autorin immer wieder japanische Wörter und ganze Sätze ein. Wer über gewisse Japanischkenntnisse verfügt, mag daran Gefallen finden; weshalb jedoch manche Begriffe oder Floskeln auf Japanisch erscheinen und andere nicht, bleibt unklar. Leserinnen und Leser, die sich für Japan interessieren, bislang jedoch kaum Berührungspunkte mit dem Land hatten, erhalten so immerhin ein kleines Repertoire an japanischen Wörtern.

Auf geschickte Weise schafft es Ruth Ozeki, Naos Geschichte, die im Jahr 2001 in Japan spielt, mit der Erdbebenkatastrophe von 2011 zu verknüpfen. Der Schlüssel liegt bei Naos Urgroßmutter Jiko, denn ihr Tempel steht in Miyagi, dort, wo der Tsunami im Jahr 2011 große Zerstörungen angerichtet hat. Über die Spurensuche nach Nao verknüpfen sich so Gegenwart und Vergangenheit.

Buchgestaltung von Ruth Ozekis Geschichte für einen Augenblick

Buchgestaltung von Ruth Ozekis Geschichte für einen Augenblick

Buchgestaltung von Ruth Ozekis Geschichte für einen Augenblick

Buchgestaltung von Ruth Ozekis Geschichte für einen Augenblick

Buchgestaltung von Ruth Ozekis Geschichte für einen Augenblick

Geschichte für einen Augenblick

Geschichte für einen Augenblick

S. Fischer 2014
560 Seiten
ISBN: 9783100552204

Verfasst am 28. März 2014 von

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