Zurück zu den Anfängen: Der farblose Tasaki Tsukuru und das Jahr seiner Pilgerreise



Zurück zu den Anfängen: Der farblose Tasaki Tsukuru und das Jahr seiner Pilgerreise

Die Geheimhaltung um den neuen Roman von Haruki Murakami war noch größer, als ich erwartet hatte. Selbst das Cover blieb bis zum Erscheinungstermin geheim. Und auch die erste Rezension in der Asahi Shinbun am 12. April ist fast genau so provisorisch, eher eine erweiterte Inhaltsangabe als eine Rezension.

Eine erste Analyse von 色彩を持たない多崎つくると、彼の巡礼の年

Da der Text aber auf Englisch verfasst wurde, beinhaltet er alles, was ich wissen wollte. Worum es in der Geschichte geht. Und tatsächlich scheint Murakami zu seinen Anfängen zurückzukehren. Der Inhalt der Geschichte könnte glatt die Fortsetzung zu Naokos Lächeln sein.

Soll heißen, auf surreale Traumwelten hat Haruki Murakami wohl komplett verzichtet (sofern man der Asahi Shinbun und den Amazon Rezensenten trauen kann). Man könnte aber auch noch weiter in die Vergangenheit reisen und Murakamis Trilogie der Ratte nennen.

Handlungsabriss

Die Geschichte handelt von dem 36-jährigen Tasaki Tsukuru. Der Roman beginnt damit, dass dieser über seine Zeit auf dem College resümiert. Zu dieser Zeit war er gut befreundet mit vier anderen Mitschülern, deren Nachnamen sich alle mit Kanji für jeweils eine Farbe schreiben. Tasaki fühlt sich dadurch ausgegrenzt, da in seinem Nachname kein Kanji für eine Farbe steckt, was ihn, und hier kommt das Wortspiel, farblos macht.

Dennoch sind die Freunde bis zu dem Tag, an dem die Clique Tasaki scheinbar grundlos und ohne weitere Worte die Freundschaft kündigte, unzertrennlich. Tasaki verfällt in Depressionen und selbst im Erwachsenenalter belastet ihn diese Geschichte noch. Tristesse und Selbstmordgedanken bestimmen fortan Tasakis Leben. Was hat das Leben noch für ihn zu bieten?

Und trotzdem rangelt Tasaki sich irgendwie durch den Alltag. Eine Frau scheint er auch treffen. Diese empfiehlt ihm, die Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen. Für Tasaki beginnt eine Reise der Selbstfindung, eine Pilgerreise in die Vergangenheit und Gegenwart um eine letzte Frage zu klären: Was hält die Zukunft für Tasaki bereit und wird er auf seiner Reise die Antwort darauf finden, wieso seine Freunde ihn damals wortlos haben hängen lassen?

Erstes Fazit

Ganz ehrlich: Sehr viel weiter hat mich der wirklich schlecht geschriebene Artikel der Asahi Shinbun nicht gebracht. Alles liest sich ein wenig wirr (was am schlechten Englisch der Autorin liegen dürfte) und so ganz will sich mir die Handlung auch nicht erschließen. Wir haben es hier aber vermutlich mit einer Coming of Age Geschichte oder einem Slice of Life Drama zu tun.

Mir persönlich gefällt diese ruhigere Gangart von Murakami. So sehr mir 1Q84 auch gefällt, Sekten, ein Paralleluniversum und kleine Männchen, die aus Tierkadavern kommen, war selbst für Murakami vielleicht etwas Over the Top.

Ich vergleiche Haruki Murkami immer sehr gerne mit Takeshi Kitano. Kitano produzierte nach zwei sehr bizzaren Komödien ebenfalls eine Coming of Age Tragikomödie. Wenn After Dark und 1Q84 Murakamis surreale Beiträge waren, könnte er mit Tasaki Tsukurus Pilgerreise wieder in der Realität angekommen sein.

Die derzeitigen Amazon-Rezensionen aus Japan sind bisher gemischt. Viele scheinen bereits nach wenigen gelesenen Seiten eine Rezension abzugeben, was mich sehr überrascht.

Ob sich die mehr als 3-jährige Wartezeit gelohnt hat oder ob Murakami es bei einer Kurzgeschichte hätte belassen sollen, wird sich für die westlichen Leser bestimmt bald herausstellen. Eine übersetzte Fassung zum Ende des Jahres oder gegen Anfang 2014 dürfte realistisch sein. Natürlich darf die Übersetzung auch gerne früher erscheinen, aber ich kenne die Murakami-Leser als sehr geduldig.

Die Inspiration für die Geschichte lieferte Murakami wohl der ungarische Komponist Franz Liszt mit seiner Annees de pelerinage (Years of Pilgrimage).

Der Artikel erschien erstmals bei Mister Aufziehvogel. Vielen Dank für diesen Gastkommentar!

Verfasst am 14. April 2013 von

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