Therapiestation

治療塔

Fischer Tb , 224 Seiten, ISBN:978-3-596-18418-7

Originalausgabe: Iwanami Shoten 1990

Therapiestation

Wie wird unsere Zukunft aussehen? In Therapiestation hat Ôe das Szenario einer zerstörten, von Atomkriegen verseuchten Erde gezeichnet, in der sich die Gesellschaft in zwei Klassen aufteilt. Ein trostloser Ausblick – und doch besteht Hoffnung.

Irgendwann im 21. Jahrhundert gibt es Atomkriege, AKW-Störfälle und Umweltkatastrophen. Weil die Menschen nun ein Massensterben erwarten, entwickeln sie einen Fluchtplan: Eine Menge von „Auserwählten“ soll den Mars besiedeln und so die menschliche Kultur retten. Die Übriggebliebenen werden auf der Erde ihrem Schicksal überlassen.

Mit den letzten Ressourcen werden Raumschiffe für die Auserwählten gebaut. Die Menschen auf der Erde verfallen in Armut, in Afrika sterben tausende von Kindern, da die Industrieländer nun um ihr eigenes Überleben kämpfen müssen. Und nicht nur die Atomstrahlung breitet sich aus – Aids, auch der „neue Krebs“ genannt, breitet sich so stark aus, dass die Betroffenen einen Aids-Stern auf ihrer Jacke tragen müssen.

Als die Erwählten nach zehn Jahren zurückkommen, weil sie sich auf dem Mars nicht einleben konnten, erwarten sie eigentlich keine Überlebenden mehr auf der Erde. Doch trotz der Verseuchung hat sich die Menschheit ziemlich gut gehalten. Nun tut sich ein großes gesellschaftliches Problem auf: Wie sollen sich die Auserwählten mit den Zurückgebliebenen, zum Tod verdammten, versöhnen?

Erzählt werden die Ereignisse aus der Sicht der auf der Erde zurückgebliebenen Ritsuko, die sich in einen der Auserwählten verliebt. Obwohl die Geschichte doch insgesamt recht düster ist, ist Ritsukos Welt wie ein kleines Refugium. Auch sie hat zwar schlimmes erlebt, dadurch, dass alle wichtigen Ereignisse im Buch aber nur nacherzählt werden, wirkt alles viel harmloser und weniger bedrohlich, als es insgesamt ist.

Ôe variiert das Genre des dystopischen Romans auf eine sehr interessante Weise: Zwar gibt es auch bei ihm die typische Konstellation, dass ein Protagonist gegen das ungerechte Staatssystem aufbegehrt, wie etwa in Huxleys Schöner Neuer Welt oder Orwells 1984, allerdings kommen noch ökologische Aspekte und sogar das Konzept einer allgemeinen religiösen Erlösungsutopie hinzu.

Verfasst am 10. Februar 2011 von

Therapiestation
Fischer Tb 1995, 224 Seiten, 9,95 € ISBN: 978-3-596-18418-7
Originalausgabe: Iwanami Shoten 1990
Fazit
Was passiert mit der Menschheit, wenn sie sich selbst ihre Lebensgrundlage zerstört? Ôe entwirft eine gruselige, aber sehr lesenswerte Dystopie.

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Kommentare

  1. Ich habe vor langer Zeit ‚Stolz der Toten‘ mit großem Interesse gelesen, auch wenn die Erinnerungen so langsam verblassen (Damals habe ich noch keine Notizen gemacht, auf die ich zurückgreifen könnte). Nun möchte ich mich dem offenbar vielfältigen Werk von Kenzaburo Ôe erneut nähern. Was würdest du nun besonders empfehlen, womit sollte ich beginnen, womit fortfahren? Vielen Dank schon einmal im voraus!

  2. Ich habe zwar schon eine Bibliographie erstellt ( http://japanliteratur.net/kenzaburo-oe/ ) wollte eine definitive Leseliste aber erst geben, wenn ich auch wirklich mit allen Büchern durch bin.

    Ich würde dir von Ôe auf jeden Fall „Reißt die Knospen ab“ und dazu „Der Fang“ empfehlen. Ansonsten ist „Therapiestation“ ja auch ein gutes Einstiegsbuch – Ôe behandelt zwar das Thema Atomkatastrophe öfter, es ist aber das einzige Buch in deutscher Übersetzung mit diesem Thema.

    Die dritte Möglichkeit wäre, du liest „Eine persönliche Erfahrung“. Vielleicht ist dieses Buch sogar das spannendste, denn es handelt von der Geburt von Ôes behindertem Sohn – der seitdem auch immer eine Rolle in Ôes Büchern spielt.

  3. Du hast ja schon ein paar Oes gelesen, oder? Ist das Einmontieren von englischsprachiger Literatur in seinen Romanen ein häufiges Verfahren bei ihm? Du weißt schon, die Yeatsgedichte etc.

  4. Ja, Yeats ist ein Thema bei ihm, in anderen Romanen sogar noch stärker. Insgesamt ist das Werk ziemlich durchzogen von literarischen Verweisen (auch auf sich selbst).

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