Strayer’s Chronicle

Strayer’s Chronicle

Manche haben ihre eigenen Vorstellungen von der Evolution der Menschheit – oder von deren Ende. So der avancierende Ministerkandidat Koichiro Watase, der mit einer Handvoll Genetiker zusammen Gott gespielt hat. Jetzt rücken die Geister, die sie riefen, ihnen auf den Leib. Ein Thriller-Puzzle um Wahnsinn, Leere und Liebe.

Tokyo. Vier befreundete junge Leute sind es, die im Mittelpunkt dieser Geschichte stehen. Besondere, übermenschliche Fähigkeiten zeichnen sie aus. Subaru, der Älteste von ihnen, vermag kurz Bevorstehendes vorweg zu erkennen, was seine Reaktionen extrem schnell erscheinen lässt. Ryuji kann sich tatsächlich mit einer für das Auge zu schnellen Geschwindigkeit bewegen, Saya hat ein übernormal feines und weitreichendes Gehör, und Ryosuke verfügt über gigantische Auffassungs- und Erinnerungskapazitäten. Als Produkte eines geheimen gentechnologischen Experiments, welches der japanische Polit-Aufsteiger Koichiro Watase Anfang der Neunziger Jahre ins Leben gerufen hatte, müssen sie in dessen Auftrag verdeckte Missionen ausführen – sie müssen, weil Watase etwas in der Hand hat, womit er sie nach Belieben erpressen kann. Nicht, dass das Honorar schlecht wäre …

Als Yuri Ozone, die 13-jährige Tochter eines Spitzenpolitikers, von zu Hause ausreißt und dabei Dokumente mit sensiblen Informationen mitgehen lässt, die ihren Vater erheblich belasten, erteilt Watase Subaru und Co. den Auftrag, Yuri ausfindig zu machen und die Dokumente sicherzustellen, welche er benutzen will, um Ozone politisch zu entmachten. Dies ist die Ausgangssituation des in drei Bänden erschienenen Mystery-Thrillers STRAYER’S CHRONICLE von Takayoshi Honda, der sich damit erstmals einem solchen Genre gewidmet hat. Das Ergebnis hat mich überzeugt, wenn ich auch manchmal den Eindruck hatte, dass die Größe des Stoffs den Textumfang eigentlich übersteigt, bzw. umgekehrt. Groß ist das Arsenal an Haupt- und Nebenfiguren, vielgestaltig sind die Erzähllinien, die durch Gegenwart wie auch Vergangenheit laufen.

Die Geschichte um die Ausreißerin Yuri bildet lediglich eine dieser Linien, und sie endet mit dem ersten Teil der Reihe. Das eigentliche, durchgehende Thema ist die Auseinandersetzung des Teams um Subaru mit der mysteriösen Terrorzelle „Ageha“, welche durch vermeintlich willkürliche Attentate und ein stets hinterlassenes Totenkopfsymbol von sich reden macht. In Wahrheit folgen die Morde einem vorgegebenen Pfad, der am Ende zu niemand anderem als Watase selbst führt, denn auch die sieben Mitglieder von Ageha sind Kinder jenes Experiments, dem Subaru und Co. entstammen. Ihre Fähigkeiten sind noch weitaus bizarrer, und sie haben ein einziges, klares Motiv: Rache an ihren Schöpfern.

Honda schreibt spannend, mit flottem Timing, und er erzählt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven, zum Teil auch als direkte Ich-Erzählung aus der Sicht Subarus. Er versteht es, auch den zahlreichen Nebenfiguren schnell und mit minimalen, sicher gewählten Mitteln Profil zu verleihen. Allerdings geht der Autor mit seiner Meisterschaft, so fand ich, manchmal ein bisschen verschwenderisch um: So manche Figur verschwindet, gerade da sie Konturen zeigt und Bedeutung erlangt zu haben scheint, bereits am Ende derselben Szene wieder, in der sie zum ersten Mal auftritt. Meistens ist es der Tod, der sie ereilt, und zuweilen entsteht dabei so etwas wie ein Vakuum ungenutzten Potentials – ein Echo, das auch in japanischen Rezensionen zu vernehmen ist. Die Geschichte endet in sich abgeschlossen, doch nicht ohne ein paar offene Fragen bzw. unscharfe Antworten, vor allem aber mit einer sehr ungewissen, bedrohlichen Zukunftsperspektive für die Protagonisten.

Alles in allem aber eine geglückte Kombination von Aktion und Reflektion, von Tempo und Tiefe, und damit all denen empfohlen, die diese Art von Unterhaltung schätzen. Die Buchausgabe wurde zudem vom Manga-Zeichner Shou Tajima mit markanten Illustrationen versehen. Bislang liegt das Werk leider nur in japanischer Sprache vor. Ob die derzeit produzierte Verfilmung, die Mitte kommenden Jahres in Japan ins Kino kommen wird, Übersetzungen ins Englische oder gar Deutsche anstoßen wird, bleibt offen, aber zu hoffen. Die Lektüre des japanischen Texts setzt eine deutlich fortgeschrittene Lesefähigkeit voraus, darum ist dies keineswegs eine Buchempfehlung für Anfänger oder mäßig fortgeschrittene Japanischlerner. Denjenigen, die es sich zutrauen und sich dranwagen möchten, kann ich Strayer’s Chronicle aber wärmstens ans Herz legen.

Die Trilogie

Verfasst am 21. Dezember 2014 von

Strayer’s Chronicle
Shûeisha 2012, 259 Seiten, ISBN: 978-4-08-771445-6
Fazit
Sehr zu empfehlen!

Strayer’s Chronicle
ストレイヤーズ・クロニクル

von Takayoshi Honda
Strayer’s Chronicle

Shûeisha 2012
259 Seiten
ISBN: 978-4-08-771445-6

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